Die vorliegende Darstellung Luthers ist eine von mindestens drei bekannten Reproduktionen von Cranachs „Junker Jörg“-Holzschnitt (II.D1) in der Technik des Lichtdrucks. Beide sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden.[1]
Die Technik des Lichtdrucks lässt sich anhand des vor allem im Randbereich des Druckbildes auftretenden sogenannten Runzelkorns identifizieren. Hierbei handelt
Die vorliegende Darstellung Luthers ist eine von mindestens drei bekannten Reproduktionen von Cranachs „Junker Jörg“-Holzschnitt (II.D1) in der Technik des Lichtdrucks. Beide sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden.[1]
Die Technik des Lichtdrucks lässt sich anhand des vor allem im Randbereich des Druckbildes auftretenden sogenannten Runzelkorns identifizieren. Hierbei handelt es sich um eine spezifische optische Erscheinung der Druckfarbe auf der Oberfläche, die nur unter entsprechender Vergrößerung zu erkennen ist.[2] Technisch bedingt weisen die Blätter zudem kaum ein Druckrelief auf. Die Vorlage für den hier behandelten Lichtdruck lässt sich eindeutig identifizieren: Es handelt sich um einen Abzug des Holzschnitts Cranachs aus dem Bestand der Klassik Stiftung Weimar,[3] der der Auflage D zuzuordnen ist und damit zwischen 1546 und 1579 gedruckt wurde.[4] Der vorliegende Lichtdruck gibt die spezifischen Eigenheiten dieses Weimarer Blattes getreu wieder. Diese zeigen sich etwa in den gedehnten Serifen der Buchstaben der obersten Textzeile. Hier ist das feuchte Papier des Weimarer Abzugs während des Druckvorgangs durch laterale Dehnung geringfügig nach außen verschoben worden. Wie alle Abzüge der Auflage D weist auch das Weimarer Blatt einen Ausbruch an der Schulterlinie Luthers auf, der hier jedoch nachträglich mit der Feder nachgezogen wurde und daher bei der Reproduktion ebenfalls nicht zu sehen ist.
Vier Exemplare des Lichtdrucks sind nachweisbar, davon drei in öffentlichen Sammlungen.[5] Ein Blatt aus Philadelphia gibt Aufschluss über den Urheber des Lichtdrucks, denn es wurde als Werk des Weimarer Künstlers Sixtus Armin Thon (1817–1901) bei einer Auktion in Leipzig 1870 angekauft.[6] Thon, als Maler in Leipzig und Weimar ausgebildet, war ebenso als Lithograph und Radierer tätig und bot ab Anfang der 1850er Jahre zusätzlich seine Dienste als Fotograf in Weimar an.[7] Der Weimarer Abzug des Cranach-Holzschnitts wird für ihn zweifellos verfügbar gewesen sein. Der Lichtdruck wird wohl frühestens mit dem Aufgreifen seiner Fotografen-Tätigkeit angefertigt worden sein und lag spätestens 1871 vor.
Der Katalog der Leipziger Auktion des Jahres 1871 beschreibt das Exemplar als „Uebertragung auf Zink […] mit der Schrift oben und unten. fol. […]. War für Schuchard's [sic] Werk über Cranach bestimmt […].“[8] Das hier von einer Übertragung auf Zink[9] die Rede ist, belegt, dass für das Lichtdruckverfahren neben Glas-, auch beschichtete Metallplatten für den Druck genutzt wurden. Auf einem Probeabzug Thons mit technischen Notizen, der sich ebenfalls in den Beständen der Klassik Stiftung Weimar erhalten hat, findet sich sogar ein handschriftlicher Beleg darüber.[10]
Daniel Görres, Thomas Klinke
[1] Ebenfalls ein Lichtdruck ist II.D-Sup02.
[2] Ein Lichtdruck ist ein fotografisch gewonnenes Bild, das von einer mit Gelatine beschichteten Platte, ähnlich dem Verfahren der Lithographie, gedruckt wird. Zur Herstellung einer Lichtdruckplatte wird mit Kaliumbichromat lichtempfindlich gemachte Gelatine auf eine Metall- oder dicke Glasplatte aufgetragen. Nach dem Trocknen ist diese Schicht lichtempfindlich. Sie wird mit Hilfe eines fotografischen Negativs belichtet. Die Gelatine wird im Verhältnis zur Lichteinwirkung wasserunlöslich bzw. härtet aus, sodass feinste Graustufen wiedergegeben werden können. Das Runzelkorn kommt durch einen chemischen Prozess bei der Behandlung der mit Gelatine beschichteten Druckplatte mit Alaun zustande. Im Deutschen wird „Lichtdruck“, im Französischen „Phototypie“ und im Englischen „Collotype“ als Oberbegriff verwendet, für weitere, teils geschützte Verfahren oder Handelsnamen, darunter: Albertotypie, Collotypie, Heliotypie. Zur Entstehung des Lichtdrucks und seinen technischen Eigenheiten vgl. z. B. Wright 1988; Bridson / Wakeman 1984; Russ / Englich 1949, S. 171.
[3] Inv.-Nr. DK 181/83.
[4] Zu den verschiedenen Auflagen des Holzschnitt Cranachs vgl. Katalogeintrag zu II.D1.
[5] Philadelphia, Museum of Art, Inv.-Nr. 1985-52-19261; Eisenach, Wartburg-Stiftung, Inv.-Nr. G1359; Weimar, Klassik Stiftung, Inv.-Nr. Reg. 2010/874. Nach dem Druckbild zu urteilen, scheint ein bei C. G. Boerner 1927 angebotenes und im Auktionskatalog reproduziertes Blatt das vierte Exemplar des Lichtdrucks darzustellen. Wie der dort ebenfalls sichtbare Sammlungsstempel auf den recto des Blattes ebenfalls zeigt, ist es nicht identisch mit den anderen drei Exemplaren, die sich heute in öffentlichen Sammlungen befinden, vgl. Aukt.-Kat. Leipzig 1927, Los 564.
[6] Vgl. Aukt.-Kat. Leipzig 1870, Los 2165. Dank an Clare Kobasa, Suzanne Andree Curatorial Fellow, Philadelphia Museum of Art, für diesen Hinweis.
[7] Vgl. Stefek 2014, S. 300–306; durch eine überlieferte Zeitungsannonce ist seine Tätigkeit als Fotograf ab 1853 gesichert.
[8] Aukt.-Kat. Leipzig 1870, Los 2165. Eine verworfene Fassung ohne Schrift, ebenfalls von Zink abgezogen, nennt der Katalog unter Los 2164. Tatsächlich erschien anlässlich der ersten beiden Bände der Cranach-Monografie Christian Schuchardts im Jahr 1851 eine Publikation mit Reproduktionen von Cranach-Werken, die auch den Holzschnitt des „Junker Jörg“ enthielt. Die Abbildungen wurden jedoch von W. Müller lithographisch hergestellt (vgl. II.D-Sup03), Thons Versionen also tatsächlich verworfen, vgl. Schuchardt 1851c[b], Nr. 3.
[9] Auch der Katalog der Nachlassversteigerung Christian Schuchardts verzeichnet eine „Copie des sehr seltenen Blattes [Cranachs ‚Junker Jörg‘] in einem Ueberdruck auf Zink, wovon nur 8 Exemplare existieren. ([c]Handschriftliche Notiz Schuchardt’s)“.
[10] Inv.-Nr. Reg. 2010-873. Dort ist recto am unteren Rand mit Bleistift notiert: „Copie nach L. Cranach auf Bauspapier mit chem. Tinte gez. und auf Zinkplatten [„n“ durchgestrichen] abgezogen. – Zu alte Tinte und schlechte Schwärze. – angerieben, nicht angewalzt.” Für die Unterstützung bei der Transkription sei Götz Czymmek herzlich gedankt.
Quellen / Publikationen:
Aukt.-Kat. Leipzig 1870, Nr. 2165; Aukt.-Kat. Leipzig 1927, Los 564; [Philadelphia Museum of Art, Online Collection, zuletzt aufgerufen: 06.10.2021].
- Zuschreibung
- Sixtus Armin Thon nach Lucas Cranach dem Älteren, Inventor*in
Zuschreibung
Sixtus Armin Thon nach Lucas Cranach dem Älteren, Inventor*in | [KKL 2022] |
- Datierung
- zwischen Anfang der 1850er Jahre und 1871
Datierung
zwischen Anfang der 1850er Jahre und 1871 | [KKL 2022] |
- Maße
- Darstellung: 286 (+/-1) x 209 (+/-1) mm
Maße
Darstellung: 286 (+/-1) x 209 (+/-1) mm
[Thomas Klinke, KKL 2022]
- Signatur / Datierung
Keine
- CDA ID
- SAT_H-NONE-001
- KKL-Nr.
- II.D-Sup03, Teil des KKL-Anhangs
- Permalink
- https://lucascranach.org/de/SAT_H-NONE-001/