Martin Luther als Augustinermönch im Ordenshabit, Halbfigur nach rechts, mit Buch, vor einer Bogennische mit Kämpfergesimsen, mit Inschrift, z. T. mit Heilig-Geist-Taube

Martin Luther als Augustinermönch im Ordenshabit, Halbfigur nach rechts, mit Buch, vor einer Bogennische mit Kämpfergesimsen, mit Inschrift, z. T. mit Heilig-Geist-Taube

Druckgrafik, Holzschnitt

Der vorliegende Holzschnitt stellt im Vergleich zu I.2D7 ein weiteres Beispiel für bis in kleinste Details ähnliche, aber nicht identische Holzschnitte dar. Während I.2D6 in der Forschung bis heute weitgehend mit I.2D7 gleichgesetzt wurde, hat bereits Ficker die abweichenden Druckstöcke als solche erkannt.[1] Sichtbare Unterschiede zwischen beiden Holzstöcken bilden sich

Der vorliegende Holzschnitt stellt im Vergleich zu I.2D7 ein weiteres Beispiel für bis in kleinste Details ähnliche, aber nicht identische Holzschnitte dar. Während I.2D6 in der Forschung bis heute weitgehend mit I.2D7 gleichgesetzt wurde, hat bereits Ficker die abweichenden Druckstöcke als solche erkannt.[1] Sichtbare Unterschiede zwischen beiden Holzstöcken bilden sich vor allem in den Bereichen ab, die nicht in ein festes Schraffursystem eingebunden sind sondern in ihrer Position freier gewählt werden mussten, etwa bei den locker gesetzten, waagerechten, kurzen Linien in der oberen Hälfte des rechten Pfeilers und dessen Kämpferzone. Die acht innerhalb des KKL ermittelten Abzüge des Holzschnitts weisen am unteren Rand ein Schriftfeld auf, das mit einer zunächst geschnitzten deutschsprachigen Inschrift versehen war (I.2D6.1, I.2D6.2). Deren Wortlaut ist der ein Jahr zuvor erschienen ersten Luther-Darstellung Wolfgang Stöckels (I.1D1) entnommen.[2] Diese Inschrift wird ab dem dritten Zustand (I.2D6.3) typographisch durch eine lateinische Inschrift gleichen Inhalts ersetzt, die mit beweglichen Lettern gesetzt ist. Die Ergänzung um den Holzstock mit der Heilig-Geist-Taube tritt mit beiden Inschriftenvarianten auf.[3]

Bei je einem Exemplar der Österreichischen Nationalbibliothek Wien[4] sowie des Kupferstichkabinetts Berlin[5] sind zudem dem Holzschnitt Verse mit beweglichen Lettern beigegeben, die Hinweise auf die Nutzung der Blätter liefern. In sechs Paarreimen spricht Luther den Lesenden mit lobenden Worten an.[6] Im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg wird zudem ein Hutten-Bildnis[7] bewahrt, dem ein in Textaufbau, -duktus, Satzspiegel und Typen entsprechender Text zu Ulrich von Hutten beigegeben ist.[8] Das Luther- und Hutten-Blatt sind beide rückseitig unbedruckt. Ihr Format legt nahe, dass sie in dieser erweiterten Variante ehemals ein Flugblatt bildeten, das die Porträts der beiden in Form eines Doppelbildnisses zusammenführte.[9] Die beiden Lobgedichte treten auch in Kombination mit anderen Luther- und Hutten-Bildnissen in Variation auf.[10] Die Abmessungen der beiden Bildnisse sind ebenso vergleichbar wie die Hintergrundgestaltung mit Bogenarchitektur. Angesichts der erheblichen stilistischen Unterschiede[11] dürften die beiden Holzschnitte jedoch nicht gemeinsam entstanden, sondern erst nachträglich für dieses Flugblatt zusammengeführt worden sein.[12]

Unabhängig davon, wann und wie das vorliegende Luther-Bildnis mit dem genannten Hutten-Porträt kombiniert wurde, scheint eine ursprüngliche Verwendung als Einblattdruck naheliegend,[13] da dieser mit der Erweiterung um die Heilig-Geist-Taube ein nicht unerhebliches Format erreichte. Bemerkenswert ist vor allem, dass der Einblattdruck offensichtlich nach den Bedürfnissen des Druckers bzw. seiner Kunden mit dieser Zutat versehen werden konnte, um den Wittenberger Augustinereremiten als von dem Heiligen Geist Erleuchteten auszuweisen.

Anhand des Abnutzungsgrades des Druckstocks lässt sich die oben vorausgesetzte Abfolge der vier Zustände ermitteln.[14] Dem autopsierten Abzug aus der Österreichischen Nationalbibliothek Wien[15] ist ein sehr hoher Abnutzungsgrad des Holzstocks abzulesen, was eine hohe Druckauflage belegen dürfte. Die Untersuchung der für den Druck verwendeten Papiere zeigte, dass auf Papieren gleichen Typs Varianten mit und ohne den angesetzten Druckstock mit Heilig-Geist-Taube gedruckt wurden, beide Fassungen also parallel vorgelegen haben müssen.[16] Diese modulare Vorgehensweise vermochte in der Bildaussage nicht nur unterschiedliche Grade der Luther-Verehrung zu bedienen, sie eröffnete angesichts einer hoheitlichen Zensur bestimmter Luther-Bildnisse auch zusätzliche Absatzmöglichkeiten.[17] Wenn der päpstliche Nuntius Aleander am 8. Februar 1521 von Luther-Bildnissen berichtet, die in Augsburg mit einem Heiligenschein, in Worms dagegen ohne verkauft wurden,[18] mag dies auf ein ähnlich wandelbares Werk hinweisen.

Der weitgehend übereinstimmende Holzschnitt I.2D7 wurde überwiegend für Druckschriften verwendet und ist von November 1520 bis in das Jahr 1524 nachweisbar. Da dieser Holzschnitt nach übereinstimmender Meinung der Forschung[19] einen Nachschnitt des vorliegenden Werks darstellt, muss I.2D6 schon vor November 1520 vorgelegen haben. Da die Untersuchung des Papiers zeigt, dass das Bild innerhalb derselben Druckkampagne sowohl mit Heilig-Geist-Taube als auch ohne gedruckt wurde, ist der vorliegende Holzschnitt als früheste nachweisbare Darstellung Luthers mit der Heilig-Geist-Taube anzusprechen, während Hans Baldung Griens Darstellung I.3D1 erst auf April/Mai 1521 zu datieren ist. Hans Baldung Grien scheint die Grundkomposition seiner Darstellung an den vorliegenden Holzschnitt angelehnt zu haben, verstärkte die Bildaussage durch den zusätzlichen hintergrundfüllenden Nimbus und trug durch seine Fassung zur weiteren Verbreitung dieses Bildtypus bei.[20]

Daniel Görres, Thomas Klinke


[1] Vgl. Ficker 1920, S. 19.

[2] Vgl. ebd.; nur der Familienname wird von „Lutter” zu „Luther“ geändert, der abgekürzte Ortsname ausgeschrieben und die Jahreszahl 1520 ergänzt.

[3] 1) deutsche Inschrift mit Heilig-Geist-Taube (Klassik-Stiftung-Weimar, Inv.-Nr. Gr 2008-4625); 2) deutsche Inschrift ohne Heilig-Geist-Taube (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sign. Graph. 22,1; Staatliche Museen Berlin – Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 53-1903; Albertina Wien, Inv.-Nr. DG1929/243; Österreichische Nationalbibliothek Wien, Sign. PORT_00005000_02; Lutherhaus Wittenberg, Inv.-Nr. 4° II 205); 3) lateinische Inschrift mit Heilig-Geist-Taube (The British Museum London, 1903,0408.21); 4) lateinische Inschrift ohne Heilig-Geist-Taube (Museum of Fine Arts Boston, Inv.-Nr. M 8890; Österreichische Nationalbibliothek Wien, Sign. PORT_00005000_01).

[4] Inv.-Nr. PORT_00005000_02.

[5] Inv.-Nr. 53-1903.

[6] „Der Luther heyß ich/das ist wor. || Dan[n] mein leer lauter ist vnd klor/ || Fleußt auß den worten Christi schlecht/ || Sant Pauls/vnd ander gottes knecht. || Kain mensch mich mag verdammen nicht/ || Er far dan[n] an mir als ein wicht. || Die Kirch ich pflantz auff iren zweig/ || In kainem weg die worhait schweig/ || Treff Bapst/Bischoff/Prelaten an/ || So bleibt doch Gots wort ewig ston. || Zu gut der gemeinen Christenhait/ || Das red ich bey meiner seligkait.“

[7] Inv.-Nr. Mp 11712; ein weiteres Exemplar des Bildnisses ohne die beigedruckten Reime im Kupferstichkabinett Berlin (vgl. Nettner-Reinsel 1988, S. 129–131).

[8] „Mich nennt den Hutten yederman. || Zu schimpff/zu ernst ich fechten kann/ || Schwert/feder halt in gleicher macht || Mein gmut gots huld halt hoher acht. || On einich ansehen schreib ich frey || Der Curtisanen buberey/ || Wie sye Teutsch landt berauben gantz/ || Durch jr pfrund tuschen vnd finantz || Des mich verfolgt der Bapst on recht/ || Vnd thur gwalt mit edelknecht. || Das klag ich gott/vnd Carle glich. Ich habs gewogt/Rom sich für dich.“

[9] Vgl. Ficker 1920, S. 19.

[10] Siehe Katalogtexte zu I.2D7 und I.3D2.

[11] Das Hutten-Bildnis wird von Röttinger 1925, S. 282, Schmidt 1930, Nr. 1297, und Friedländer 1970, S. 70 Erhard Schön zugewiesen.

[12] Abweichend Ficker 1920, S. 19.

[13] Alle untersuchten Varianten des Holzschnitts sind rückseitig unbedruckt.

[14] 1. Albertina Wien, Inv.-Nr. DG 1929/243; 2. Lutherhaus Wittenberg, Inv.-Nr. 4° II 205; 3. Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Inv.-Nr. Graph. 22,1; 4. Klassik Stiftung Weimar, Inv.-Nr. Gr 2008-4625; 5. Kupferstichkabinett Berlin, Inv.-Nr. 53-1903; 6. Österreichische Nationalbibliothek Wien, Inv.-Nr. PORT_00005000_02; 7. The British Museum London, Inv.-Nr. 1903,0408.21; 8. Österreichische Nationalbibliothek Wien, Inv.-Nr. PORT_00005000_01.

[15] Inv.-Nr. PORT_00005000_01.

[16] Es handelt sich um das Anfang des 16. Jahrhunderts sehr weit verbreitete Wasserzeichen mit dem gotischen Buchstaben „P“ mit gespreiztem Fuß, zweikonturig, darüber einkonturige Stange mit Stern. 76 Belege dieses Typs sind für den Zeitraum von 1284 bis 1537 im WZIS 2021 nachgewiesen. Das Wasserzeichen ist bei den Exemplaren der Albertina Wien, Inv.-Nr. DG 1929/243, sowie dem Lutherhaus Wittenberg, Inv.-Nr. 4° II 205, identisch. Es tritt ebenfalls beim früheren Abzug aus der Universitätsbibliothek Augsburg, Inv.-Nr. Graph. 22/1 auf (vgl. [Briquet, 8784]). In abgewandelter Form und kleinerem Format taucht es auch im Exemplar des British Museum London, Inv.-Nr. 1903,0408.21. wieder auf. Hier ersetzt eine vierblättrige Blüte den Stern.

[17] Vgl. etwa den Ratserlass der Stadt Nürnberg, der Darstellungen Luthers mit der Taube auf Nürnberger Territorium explizit verbot (vgl. Hampe 1904a, S. 205, Nr. 1339).

[18] Vgl. Kalkoff 1897, S. 79–80.

[19] Vgl. Hagelstange 1907, S. 105; Dodgson 1911, S. 319, Nr. 126; Ficker 1920, S. 19.

[20] Vgl. Katalogeintrag zu I.3D1.

Quellen / Publikationen:

Passavant IV.18.194; Hollstein German VI.8.7.2; Heller 1821, S. 421, Nr. LXXI; Schuchardt 1851b, S. 312, Nr. 181 (wahrscheinlich Abzug Weimar); Heller 1854, S. 244–245, Nr. 653; Nagler u. a. 1871, S. 319, Nr. 172 (Abzug Weimar); Hagelstange 1907, S. 105; Dodgson 1911, S. 319, Nr. 126 (Abzug London); Ficker 1920, S. 19 (Abzüge Wien, London); Ficker 1934, S. 116, Nr. 15 (Abzug Wittenberg); S. 121, Nr. 65 (Abzug London); Scribner 1981, S. 7–8, 264, Nr. 7b (Abzug Wien); Nr. 8 (Abzug London); Gülpen 2002, S. 241–242.

Zuschreibungen
Unbekannt, Inventor*in
Hans Sebald Beham (?), Inventor*in

Zuschreibungen

Unbekannt, Inventor*in

[KKL 2022]

Hans Sebald Beham (?), Inventor*in

[Hagelstange 1907, S. 105]

Lucas Cranach der Ältere, Inventor*in

[Heller 1853, S. 244–245, Nr. 653] [Passavant IV.18.194]

Datierung
1520

Datierung

1520

[datiert, KKL 2022]

Maße
Darstellung: 152 (+/-2) x 123 (+/-2) mm

Maße

  • Darstellung: 152 (+/-2) x 123 (+/-2) mm

  • [Thomas Klinke, KKL 2022]

Signatur / Datierung

„1520“ rechts oben über dem Gesims sowie innerhalb der Inschriften

Signatur / Datierung

  • „1520“ rechts oben über dem Gesims sowie innerhalb der Inschriften

  • [KKL 2022]

CDA ID
ANO_H-NONE-017
KKL-Nr.
I.2D6, Teil der Bildnisgruppe I
Permalink
https://lucascranach.org/de/ANO_H-NONE-017/

Abzüge

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