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Martin Luther als Augustinermönch

1. Darstellungsformen und historischer Kontext

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Abb. 1: Wolfgang Stöckel (Drucker), Titelblatt zu "Ein Sermon geprediget tzu Leipzgk…", Leipzig 1519, Holzschnitt mit Typendruck, Exemplar der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, KKL-Nr. I.1D1

Seit seinem Eintritt in den Orden der Augustinereremiten 1505 war Luther verpflichtet, den Ordenshabit zu tragen, der aus einer schwarzen Wollkutte mit Kapuze und einem Ledergürtel bestand. Daher wurde die Kutte zum bestimmenden Attribut der frühesten Luther-Bildnisse, die den schon bald bekannt werdenden Reformator durchgehend als Mönch zeigen.[1] Die Darstellungen Luthers als Augustinermönch lassen sich nach motivischen und gattungsspezifischen Kriterien in sechs Untergruppen aufteilen (I.1 bis I.6).[2] Luther als  Augustinermönch (I.1D2) ist zu Beginn der Reformation vornehmlich der Druckgraphik vorbehalten. Zweiunddreißig aus dem Untersuchungszeitraum überlieferten druckgraphischen Bildnissen stehen lediglich drei erhaltene Gemälde gegenüber, deren Datierung nicht mit Sicherheit zu bestimmen ist.[3] In Anbetracht der Vervielfältigungsmöglichkeiten der Kupferstiche und Holzschnitte war die Druckgraphik also das wichtigste Medium für die Verbreitung von Luthers Bild in den ersten Jahren der Reformation.

Die früheste bekannte Darstellung Luthers bietet das Titelblatt eines Textes, der anlässlich der Leipziger Disputation zwischen Johannes Eck und Luther bzw. Andreas Bodenstein von Karlstadt bei Johannes Stöckel in Leipzig zwischen Anfang August und dem 3. September 1519 erschienen ist (Abb. 1). Da es sich hierbei um die schlichte Darstellung eines Mönchs mit Doktorhut und zum Redegestus erhobener Hand handelt, die keinerlei Anspruch auf Porträtähnlichkeit erheben kann, bildet sie gleichsam nur den Prolog der Luther-Bildnisse (I.1D1).

Die Bildnisgruppe I umfasst neben den Kupferstichen des hageren Mönchs (I.1D2) auch den Kupferstich des Mönch vor der Nische bzw. Wandöffnung (I.2D1), mit Buch (I.1D3, I.1D4, I.2D1 bis I.3D3 und I.3D5 bis I.3D9) oder Heilig-Geist-Taube (I.2D7.2, I.2D7.4, I.3D1, I.2D2a bis I.3D9) sowie Sonderformen wie die Ganzfigur Luthers am Schreibpult sitzend (I.3D5). Zu dieser Gruppe gehören auch die Bildnisse Luthers als Gelehrter im Profil mit Doktorhut (I.4D1 bis I.4D5). Eine große Anzahl von ausschließlich in Druckschriften auftretenden Darstellungen Luthers zeigt den Mönch im Habit als Ganzfigur. Jedoch kann die überwiegende Zahl dieser Werke nicht als Luther-Bildnis im engeren Sinne angesprochen werden, da es sich bei ihnen um einen hochgradig stilisierten und weitgehend austauschbaren Mönchstypus handelt, der kein Bemühen um Porträtähnlichkeit erkennen lässt. Stellvertretend wurden im KKL daher nur die drei frühesten Vertreter dieses Typus’ aufgenommen (I.5D1 bis I.5D3), von denen sich die restlichen ganzfigurigen Darstellungen direkt oder mittelbar ableiten.[4]


[1] Vgl. Brecht 1981, S. 65 und 70.

[2] I.1: Druckgraphik, Brustbildnis/Halbfigur, I.2: Druckgraphik, Halbfigur mit Nische/Wandöffnung, I.3: Druckgraphik, Brustbildnis/Halbfigur/Ganzfigur mit Heilig-Geist-Taube, I.4: Druckgraphik, Brustbildnis mit Kappe/Doktorhut, I.5: Druckgraphik, Ganzfigur, I.6: Gemälde, Brustbildnis. 

[3] Vgl. dazu die Katalogeinträge zu I.6M1, I.6M2 und I.6M3.

[4] Hierzu gehören etwa die ab 1522/1523 auftretenden Darstellungen in den Druckschriften VD 16 L 7206; VD 16 L 4824; VD 16 L 4825; VD 16 L 4821; VD 16 L 4822.

 

2. Historische Entwicklung

Der früheste bekannte quellenkundliche Verweis auf ein Bildnis Martin Luthers bezieht sich auf ein gemaltes Porträt. Herzog Johann von Sachsen wandte sich in einem Brief vom 12. November 1519 mit einer Bitte an Kurfürst Friedrich III., den Dienstherren Lucas Cranachs d. Ä.: „E.[urer] L.[iebden] wollen auch beye meister Lucas [Cranach d. Ä.] anhalten das ich Doctor Marthinum mochte gemaldt uberkomen.“[1] Die für ein solches Gemälde sicherlich geschaffene Porträtstudie könnte auch die Grundlage für die ersten Kupferstiche des Jahres 1520 (I.1D2, I.2D1) gebildet haben. Den Wunsch nach einem solchen Kupferstich trug im Januar oder Februar 1520 Albrecht Dürer, vermittelt über Georg Spalatin, an den Kurfürsten heran.[2] Die Quellen zeigen also, dass erstens bereits Anfang 1520 ein Interesse des Herzogs Johann von Sachsen an einem Porträt Luthers vorlag, zweitens ein gestochenes Bildnis Luthers Anfang 1520 noch nicht existiert zu haben scheint und drittens gemalte Bildnisse Luthers offenbar noch wenig verbreitet waren.


[1] Vgl. Rossmann/Doebner 1908, S. 449; Ausst.-Kat. Wittenberg 2013, Nr. 65.

[2] Vgl. das Dankesschreiben Albrecht Dürers an Georg Spalatin für die Übermittlung von verschiedenen Schriften Luthers (zitiert nach Rupprich 1956, Bd. I, Nr. 32, S. 86, Z. 10–23): „Des halb pit jch, ewer er wird wollent seinen kürfurschlichen genaden mein vndertenige danckbarkeit noch dem höchsten antzeigen, vnd sein c[urfürschtliche] g[enaden] jn aller vndertenikeit pitten, das er jm den löblichen d[octor] M[artinum] L[uther] befohlen las sein, van kristlicher worheit wegen, doran vns mer leit dan an allenn reichtumen vnd gewalt diser weit; das dan als myt der czeit vergett, allein dy worheit beleibt ewig. Vnd hilft mir got, das jch zw doctor Martinus Luther kum, so will jch jn mit fleis kunterfetten vnd jn kupfer stechen zw einer langen gedechtnus des kristlichen mans, der mir aws grossen engsten gehollfen hat.“

 

3. Martin Luther als Augustinermönch in der Druckgraphik

Die von Lucas Cranachs d. Ä. in den Jahren 1520 (I.1D2, I.2D1) (Abb. 2 und 3) und 1521 (I.4D1) (Abb. 4) geschaffenen Kupferstiche müssen weiterhin als die frühesten Porträts Martin Luthers gelten. Während Lucas Cranachs d. Ä. erste Fassung des hageren Mönchs (I.1D2.1) im ersten Zustand kaum Verbreitung erlangt zu haben scheint (heute sind nur zwei Abzüge bekannt), sondern erst um 1568 und nach umfangreicher Bearbeitung der Druckplatte im zweiten und dritten Zustand (I.1D2.2; I.1D2.3) in hoher Zahl abgezogen wurde, erfährt vor allem Lucas Cranachs d. Ä. noch im selben Jahr veröffentlichte zweite Fassung (I.2D1), die Luther nun in leicht vergrößertem Format vor einer Nische zeigt, eine breitere Rezeption. Der enorme publizistische Erfolg der Schriften Luthers schuf bald das Bedürfnis nach einem Autorenbildnis, das vor allem Verleger in Augsburg, Basel und Straßburg auf der Grundlage von Lucas Cranachs d. Ä. Druck bedienten. Die Kupferstichvorlage wurde dabei in den Holzschnitt überführt, wohl weil der Holzschnitt weit größere Auflagen erlaubte. Im Untersuchungszeitraum 1519 bis 1530 erschienen insgesamt 83 Druckschriften, die ein autonomes Bildnis Martin Luthers zeigten, das auf diese Vorlage Lucas Cranachs d. Ä. zurückgeht und die sich untereinander nur unwesentlich unterscheiden (I.2D2, I.2D3.1, I.2D4.1 und I.2D5).

Der Typus dieses Bildes erlangte weitgehend ikonische Bedeutung: Bis 1526 wurde ausschließlich dieser Bildnistyp immer wieder für Titel- oder Autorenbilder Luthers herangezogen, während die ab 1521 im ersten Zustand verfügbare Darstellung Lucas Cranachs d. Ä. von Luther mit Doktorhut (I.4D1.1) in der Buchillustration nicht aufgegriffen wurde. Ihre Rezeption blieb dem Einblattdruck vorbehalten.

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Abb. 2: Lucas Cranach d. Ä., Martin Luther als Augustinermönch im Ordenshabit, Halbfigur, nach links gewandt, mit Buch, vor einer halbrunden Nische, 1520, Kupferstich, Exemplar der Albertina Wien, KKL-Nr. I.1D2

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Abb. 3: Lucas Cranach d. Ä., Martin Luther als Augustinermönch im Ordenshabit, Halbfigur, nach links gewandt, mit Buch, vor einer halbrunden Nische, 1520, Kupferstich, Exemplar der Albertina Wien, KKL-NR. I.2D1

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Abb. 4: Lucas Cranach d. Ä., Martin Luther als Augustinermönch im Ordenshabit, mit Doktorhut, Brustbild im Profil nach links, mit Inschrift, 1521, Kupferstich, Exemplar Kunstsammlungen der Veste Coburg, KKL-Nr. I.4D1

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Abb. 5: Hans Baldung Grien, Martin Luther als Augustinermönch im Ordenshabit, Halbfigur nach rechts gewandt, im Strahlenkranz, mit Buch, Nimbus und Taube, zwischen 26. April und 8. Mai 1521, Holzschnitt, Exemplar der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, KKL-Nr. I.3D1

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Abb. 6: Unbekannter Künstler, Flugblatt "Christianae Libertatis Propugnatoribus", nach Oktober 1520, Holzschnitt mit Typendruck, Exemplar der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, KKL-Nrn. I.2D4a und I.2D4b

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Abb. 7: Unbekannter Künstler, Flugblatt "Christianae Libertatis Propugnatoribus", nach Oktober 1520, Holzschnitt mit Typendruck, Exemplar der Klassik Stiftung Weimar, KKL-NR. I.2D3a und I.2D3b

Am 18. Dezember 1520 berichtet der päpstliche Nuntius Hieronymus Aleander von unterschiedlichen Bildnissen, die ihn mit der Taube des Heiligen Geistes und dem Kruzifix sowie mit einer Strahlenkrone zeigen.[1] Hierbei kann es sich nicht um die bekannte Darstellung Hans Baldung Griens (I.3D1) handeln, da diese erstmals in einer Druckausgabe nachweisbar ist, die zwischen dem 21. März und dem 8. Mai 1521 erschien (Abb. 5).[2] Unter den heute überlieferten Bildnissen kommt hierfür nur die Eisenradierung des Hieronymus Hopfer in Frage (I.3D6). Diese oft aufgrund ihrer künstlerischen Mängel wenig beachtete Darstellung ist die einzige uns heute bekannte, die zum entsprechenden Zeitpunkt erschienen sein kann. Sie zeigt Luther mit Strahlenkranz sowie der Heilig-Geist-Taube und ihr Format würde die von Hieronymus Aleander geschilderte ikonenhafte Verwendung erlauben.[3] Aleander erwähnt zudem Luther-Bildnisse mit und ohne Heiligenschein sowie die Kombination eines Luther-Bildnisses mit dem Porträt Ulrich von Huttens auf einem mit Christianae Libertatis Propvgnatoribvs überschriebenen Flugblatt.[4] Das Flugblatt ist heute in zwei Versionen (Abb. 6 und 7) überliefert, die auf verschiedene Druckstöcke zurückgehen und innerhalb des KKL erstmals untersucht und verglichen werden konnten (I.2D3 und I.2D4).

Die Bildnisse dieser Flugblätter stellen Nachschnitte zweier von Hans Baldung Grien geschaffener Porträts dar, dessen Adaptionen von Vorlagen Lucas Cranachs d. Ä. (I.2D2; I.3D1; I.4D2) maßgeblich zu einer Verbreitung des Luther-Bildnisses beigetragen hatten. Bereits vor dem 13. Januar 1521 schuf Hans Baldung Grien das Motiv, das Luther als Mönch in Ganzfigur (I.5D1) zeigt. Für den Titelholzschnitt des Gesprächbüchleins von Ulrich von Hutten kombinierte Hans Baldung Grien dieses Luther-Bildnis mit einem Standbild Ulrichs von Hutten als Reichsritter.

Auf Vorbilder Hans Baldung Griens geht auch ein anderes unikal überliefertes Flugblatt zurück (I.3D2), das die Vermutung nahelegt, es könne eine Urversion des Christianae Libertatis Propvgnatoribvs-Flugblatts existiert haben, die ebenfalls schon mit den Luther- und Ulrich-von-Hutten-Bildnissen Hans Baldung Griens ausgestattet war und von der sich mit den beiden überlieferten Exemplaren lediglich Nachschnitte erhalten haben.

Die druckgraphischen Porträts der Bildnisgruppe I gehen vielfach auf bis in kleinste Details ähnliche, aber nicht identische Druckstöcke zurück.[5] Eine solche Ähnlichkeit wäre nicht ohne eine rationelle Form direkter Übertragung des gleichen Vorbilds auf einen neuen Holzstock möglich gewesen. Die ersten weitverbreiteten Luther-Bildnisse waren also nahezu ausschließlich druckgraphische Darstellungen, die sich schnell von den ersten Vorlagen der Kupferstiche Lucas Cranachs d. Ä. lösten und bald ganz eigene Ausprägungen entwickelten. Dies war möglich durch ein eng verwobenes Netzwerk von Humanisten, Künstlern, Reißern, Formschneidern, Druckern und Verlegern, in dem neue Bildideen innerhalb kürzester Zeit umgesetzt wurden. Ihre dominante Stellung sollte die Druckgraphik in den folgenden Jahren freilich an die gemalten Bildnisse abtreten, die seit 1525 vor allem durch die Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä. in gleichbleibender Qualität, vor allem aber in hoher Quantität auf den Markt gebracht wurden und den Bildnistyp Luthers zunehmend dominierten.


[1] Darstellungen mit einer solchen Motivkombination sind erst mit der Illustration Hans Sebald Behams in Hans Hergots Ausgabe des Septembertestaments von 1524 (I.3D5) nachweisbar.

[2] Entgegen der vielfach aufgegriffenen Vermutung in Kalkoff 1897, S. 59.

[3] Vgl. ebd., S. 58–59: „[...] und das kaufen sie, küssen es, und tragen es selbst in den Palast.“

[4] Vgl. ebd., S. 79–80.

[5] Vgl. etwa das Verhältnis von I.2D2 zu I.2D3a, I.2D4a und I.2D5, von I.2D6 zu I.2D7 oder von I.3D1 zu I.3D2a.

 

4. Martin Luther als Augustinermönch in der Malerei

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Abb. 8: Werkstatt Lucas Cranach d. Ä. oder Umkreis, Martin Luther als Augustinermönch, ab 1522, Malerei auf Pergament auf Buchenholz, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Leihgabe der Paul Wolfgang Merkel‘schen Familienstiftung, KKL-Nr. I.6M1

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Abb. 9: Werkstatt Lucas Cranach d. Ä. oder Umkreis, Martin Luther als Augustinermönch, ab 1522, Malerei auf Lindenholz, Privatsammlung, KKL-Nr. I.6M2

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Abb. 10: Werkstatt Lucas Cranach d. Ä. oder Umkreis, Martin Luther als Augustinermönch, ab 1522, Malerei auf Holz, auf Leinwand übertragen, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, KKL-Nr. I.6M3

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Abb. 11: Infrarotreflektogramm des Wittenberger Gemäldes (I.6M3) mit farbig markierten Konturlinien. In Weiß die ausgeführte Malerei, in Rot die ursprüngliche, korrigierte Formanlage

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Abb. 12: Überblendung des Nürnberger Gemäldes (I.6M1) mit den Konturlinien des Wittenberger Gemäldes (I.6M3) in Weiß und Rot

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Abb. 13: Überblendung des Gemäldes I.6M2 mit den Konturlinien des Wittenberger Gemäldes (I.6M3) in Weiß und Rot

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Abb. 14: Überblendung dem Dresdner Exemplar des Holzschnitts "Junker Jörg" (II.D1) mit der Umzeichnung des Nürnberger Gemäldes (I.6M1) in Rot und den Konturlinien des Wittenberger Gemäldes (I.6M3) in Blau (ausgeführte Malerei) und Orange (Formanlage)

Drei Gemälde, die Luther im Habit des Mönchs zeigen, wurden in der älteren Forschung in die frühen 1520er Jahre datiert (I.6M1 bis I.6M3). Dazu zählt das Nürnberger Bildnis Luthers als Augustinermönch mit Buch (I.6M1), das ihn in Mönchskutte gekleidet und mit zugewachsener Tonsur zeigt und spätestens seit 1983 gemeinhin als eine besonders authentische Porträtaufnahme galt.[1] (Abb. 8)

Nachdem das Bildnis zwischenzeitlich neu bewertet und auf „nach 1546“ datiert wurde, weil ihm Kompilationen verschiedener Vorlagen aus der Cranach-Werkstatt zugrundeliegen, lassen die jüngsten Untersuchungen eine frühere Entstehung in der Cranach-Werkstatt wieder möglich erscheinen.[2] Die beiden anderen Versionen zeigen Luther ebenfalls in Kutte, ergänzt um einen Doktorhut, unter dem sich im Nacken Haarlocken hervor wölben.(Abb. 9) Beide wurden in der Forschung bisher meist auf „um 1520/21“ datiert.[3] Während die in Privatbesitz befindliche Version (I.6M2) auf Lindenholz gemalt ist,[4] liegt das ursprünglich ebenfalls auf Holz gemalte Wittenberger Exemplar (I.6M3) heute im Format beschnitten und auf Leinwand übertragen vor (Abb. 10). Bei Letzterem fallen besonders die im Malprozess vorgenommenen Veränderungen auf, die sich als individuelle Gestaltungsmerkmale interpretieren lassen.[5] (Abb. 11) Für beide Versionen erscheint eine Entstehung in oder im Umfeld der Cranach-Werkstatt möglich.[6] Die individuellen Merkmale der jeweils mit einem schwärzlichen, flüssigen Medium und Pinsel ausgeführten Unterzeichnungen aller drei Bildnisgemälde unterscheiden sie vor allem von den nach 1525 in großer Zahl in der Cranach-Werkstatt hergestellten Luther-Bildnissen, die in wenigen, sehr feinen Linien unterzeichnet sind. Die vor allem bei I.6M1 und I.6M2 markanten Pinselunterzeichnungen unterscheiden sich aber auch untereinander sowie von Bildnissen, die von der Forschung übereinstimmend als eigenhändige Werke Lucas Cranach d. Ä. anerkannt werden.[7] Dabei stimmen die Gesichtskonturen der drei Bildnisse in absoluter Größe weitgehend überein (Abb. 12 und 13).[8] Dies legt die Existenz eines gemeinsamen Vorbildes nahe, auf das alle drei Versionen zurückgehen. Hierbei ist in erster Linie der auf 1522 zu datierende „Junker Jörg“-Holzschnitt Lucas Cranachs d. Ä. (II.D1) anzusprechen, dessen Gesichtszüge in Größe und Proportionen allen drei gemalten Bildnissen entsprechen (Abb. 14).[9] 


[1] Vgl. Ausst.-Kat. Nürnberg 1983, Nr. 363; Löcher 1997, S. 136.

[2] Vgl. zur Umdatierung auf „nach 1546” Hess/Mack 2010, S. 279–295; vgl. den Katalogeintrag zu I.M61 zu den jüngsten Untersuchungen.

[3] Vgl. zu den Datierungen die Katalogeinträge zu I.6M1 bis I.6M3.

[4] In der Zeit um 1520 bis 1535 wurde in der Cranach-Werkstatt vermehrt Buchenholz für klein- bis mittelformatige Tafelgemälde verwendet, die darunter erhaltenen Luther-Bildnisse sind ausnahmslos auf Buche gemalt, vgl. dazu auch Heydenreich 2007, S. 47–51. Zur Querauswertung der Befunde an den Luther-Bildnissen vgl. KKL-Begleitband (in Vorbereitung).

[5] Vgl. dazu den Katalogeintrag zu I.6M3.

[6] Der heutige Zustand des Wittenberger Exemplars (I.6M3) erlaubt jedoch keine eindeutigen Schlüsse, vgl. dazu den Katalogeintrag zu I.6M3. I.6M2 dagegen entspricht in der Wahl der Holzart, der Art der Bildträgerbearbeitung sowie in den Merkmalen der Unterzeichnung nicht den in der Cranach-Werkstatt um 1520–1530 entstandenen Bildnissen. Auf dieser Grundlage erscheint eine spätere Entstehung im weiteren Umkreis der Cranach-Werkstatt plausibler. Da das Gemälde im Rahmen des Forschungsprojektes jedoch nicht für eine Untersuchung zur Verfügung stand, ist auch hier keine abschließende Beurteilung möglich.

[7] Nur das Nürnberger Exemplar offenbart individuelle Merkmale. Sie lassen gewisse Ähnlichkeiten zu Bildnisunterzeichnungen auf Gemäldetafeln erkennen, die dem sog. Meister der Gregorsmessen zugeschrieben werden, vgl. dazu den Katalogeintrag zu I.6M1. Das Wittenberger Exemplar weist eine sehr spärliche, im IRR nur schwach darstellbare Unterzeichnung auf, die mit wenigen Strichen nur die wesentlichsten Formen angibt. Die deutlich ausführlichere Unterzeichnung des in Privatbesitz befindlichen Bildnisses stellt sich dagegen deutlich im IRR dar und unterscheidet sich durch die Angabe von Volumen in Form von Schraffuren von allen anderen Luther-Bildnissen und zeigt darin ebenfalls Ähnlichkeiten zu den in den Gregorsmessen in vergleichbarer Weise angelegten Köpfen Albrecht von Brandenburgs, vgl. dazu beispielsweise DE_BStGS_6271 und DE_BStGS_6270.

[8] Die Abweichungen zwischen I.6M2 und I.6M3 untereinander sind geringer als zu I.6M1. Bei diesem weichen vor allem die Position des Ohres und der Nase deutlich von den anderen beiden Versionen ab. Wie die Infrarot-Untersuchung zeigte, wurden diese Partien bei I.6M3 jedoch im Malprozess verändert und zeigen in der ursprünglichen Formgebung eine weitaus größere Übereinstimmung zu I.6M1, vgl. dazu die Katalogeinträge zu I.6M1 und I.6M3. 

[9] Die Beziehung des Holzschnittes zum Nürnberger Bildnis (I.6M1) wurde bereits bei Hess/Mack 2010 ausführlich erörtert.