Der „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine zufolge trug der Riese Christophorus ein kleines Kind durch einen Fluss. Während der Durchquerung wurde es ihm immer schwerer, so dass er sich am Ende wundert: „Du hast mich in große Fährlichkeit bracht, Kind, und bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte
Der „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine zufolge trug der Riese Christophorus ein kleines Kind durch einen Fluss. Während der Durchquerung wurde es ihm immer schwerer, so dass er sich am Ende wundert: „Du hast mich in große Fährlichkeit bracht, Kind, und bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte ich alle diese Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen.“ Da offenbart sich das Kind: „Du hast nicht allein alle Welt auf deinen Schultern getragen, sondern auch den, der die Welt erschaffen hat. Denn wisse, ich bin Christus, dein König, dem du mit dieser Arbeit dienst.“
Der heilige Christophorus gehört zu den Vierzehn Nothelfern und wurde als Beschützer vor einem plötzlichen, unvorbereiteten Tod angerufen. Er gilt daher noch heute als Schutzpatron der Reisenden. Um den Gläubigen seinen täglichen Anblick zu gewährleisten, fand er sich im 15. und 16. Jahrhundert oft als monumentale Wandmalerei an den Außenwänden von Kirchen und anderen Gebäuden. Mit dem Aufkommen des reproduzierbaren Bildes im 15. Jahrhundert konnte das Bedürfnis nach der Präsenz des Heiligen nun auch durch druckgraphische Blätter gestillt werden – und es ist daher wenig überraschend, dass der hl. Christophorus zu einem der populärsten Bildgegenstände des frühen Einblattholzschnitts gehört. Diese Tradition wirkt noch im 16. Jahrhundert fort. So macht Dürer den Heiligen zum Thema von je zwei Kupferstichen (Meder 52 und 53) und Holzschnitten (Meder 222 und 223).
Der „Hl. Christophorus“ ist gemeinsam mit „Venus und Amor“ ([LC_HVI-81_105]) der frühste „echte“ Chiaroscuro-Holzschnitt Cranachs, wobei die Richtigkeit des auf beiden Blättern zu findenden Datums 1506 schon früh aus drei Gründen angezweifelt wurde: Das Wappen mit der geflügelten Schlange wird dem Künstler erst Januar 1508 verliehen und erst dann wird sie zu seinem Werkstattsignet. Ebenso findet sich auch die Tinktur des sächsischen Kurwappens erst ab 1508 durchgängig in dessen oberer Hälfte. Schließlich steht die Komposition stilistisch den 1509 entstandenen Blättern Cranachs deutlich näher. Mit der expliziten Frühdatierung wollte Cranach offenbar seine Vorreiterrolle bei der Erfindung des Farbholzschnitts herausstreichen.
Stets wird auf die Eindringlichkeit hingewiesen, mit der Cranach den unter seiner göttlichen Last sich abmühenden riesenhaften Heiligen darstellt. Doch bemerkte Johannes Jahn nicht ganz zu Unrecht: „Auf Richtigkeit der Mechanik und Funktion der Gliedmaßen beurteilt, erscheint die Bewegung des Riesen unmöglich.“ Tatsächlich ist vor allem der weit ausfallenden Schritt mit dem auf das rettende Ufer ausgestreckten linken Bein anatomisch ungelenk. Bisher in der Cranachforschung offenbar unbemerkt, scheint ein um 1490 entstandener Kupferstich des Meisters IAM von Zwolle (Lehrs, Bd. 7, S. 204, Nr. 16) viele Details in der Figurenhaltung vorwegzunehmen (siehe die allerdings unkommentierte Gegenüberstellung in Ausst. Kat. Princeton 1969, Abb. 69 und 70). Das Blatt nimmt eine Sonderstellung innerhalb der Christophorus-Ikonographie ein, da es den Heiligen nicht durch den Fluss watend, sondern als christlichen Ritter zu Pferd darstellt. Doch was sich dort in die Bildlogik des reitenden miles Christianus einfügt, lässt sich bei Cranach bestenfalls von diesem Vorbild her erklären: das gegen den Steigbügel gestreckte Bein ebenso wie der die Zügel anziehende, zurückgenommene Arm, der im Holzschnitt den Wanderstab zwar hält, sich jedoch nicht auf ihn stützt. Vergleichbar sind auch die gedrungenen Proportionen des Heiligen, der verkürzte Oberkörper und der zu gross geratene Kopf.
Folgt man der Spätdatierung des Christophorus-Holzschnitts auf 1509, so ist es angesichts von Cranachs Reise in die Niederlande in der zweiten Hälfte des Jahres 1508 durchaus denkbar, dass er das Blatt des anonymen niederländischen Stechers kannte. Vielleicht brachte er es sogar mit nach Wittenberg zurück, um die Heiligenfigur als Versatzstück zum Zentrum einer Komposition zu machen, die sich ihrerseits deutlich von der seinerzeit vorherrschenden Bildtradition absetzt.
Die traditionelle Funktion der Christophorusdarstellungen als Zimmerschmuck, als „Brieff an die wand“, mag für Cranach ein zusätzlicher Anreize gewesen sein, die neue Technik des Farbdrucks gerade bei diesem Blatt anzuwenden, zumal auch die meisten der Christophorus-Einblattholzschnitte des 15. Jahrhunderts koloriert waren. Umgekehrt hat gerade eine derartige Verwendung – in der Regel mit Siegelwachs an die Wand geheftet – zum Verlust der Graphiken beigetragen. Frühdrucke (sind sind leicht durch das Datum auf der Signaturtafel zu erkennen, das später fehlt) sind sowohl mit als auch in Versionen ohne die Tonplatte von allergrößter Seltenheit – weltweit sind es nicht mehr als je acht Exemplare, die wir bislang nachweisen konnten.
Cranach selbst hat das Blatt nach diesen ersten beiden Druckkampagnen nicht wieder neu aufgelegt. Die durch das 16. Jahrhundert hindurch anhaltende Popularität des Heiligen führte dann aber spätestens ab 1554 zu zahlreichen Neuauflagen, teilweise ohne Tonplatte und mit langen begleitenden Texten, teilweise aber auch als Chiaroscuro-Drucke. Die originale Tonplatte war zu diesem Zeitpunkt allerdings verlorengegangen. Der Reiz und wohl auch Mehrwert des farbigen Bildes veranlasste den namentlich nicht bekannten, aber wohl in Wittenberg ansässigen neuen Besitzer des Druckstockes zur Anfertigung einer neuen Tonplatte. Urteilt man allein aufgrund der Überlieferungslage dieser späten Farbdrucke, so müssen davon sehr große Auflagen in unterschiedlichen Farbtönen gedruckt worden sein. Der Farbdruck bot hier den zusätzlichen Vorteil, dass die Mängel der immer stärker abgenutzten Strichplatte überspielt werden konnten. Auch späteste Drucke behielten im Gesamteindruck ihre Attraktivität, die auch für den Sammler auf dem Kunstmarkt unserer Tage noch nachwirkt.
[Armin Kunz in Exhib. Cat. Brussels 2010, revised 2026]
Verwendung:
I. Zustand
a) Mit Datum "1506"; gelbbrauner bis rötlich brauner Tondruck; noch keine oder erst eine Lücke in oberster Wasserschraffur unterhalb des Bootes im Hintergrund, bereits eine Lücke im Saum des umgeschlagenen Mantels über linkem Arm; noch gute bis sehr gute, sehr klare Drucke; Tondrucke nicht immer ganz gleichmäßig.
b) Nur Liniendruck; Lücke in unterster Himmelschraffur, zwei Lücken in oberster Wasserschraffurlinie unterhalb des Bootes, teilweise schon mit Randdefekt links oben; noch gute bis gute, stellenweise graue Drucke.
c) Ohne Datum, aber mit Tondruck vom ersten, frühen Stock; offenbar noch keine Lücken in oberster Wasserschraffur.
II. Zustand
d) Ohne Datum in Signaturtafel; Text (A) oben: "AD IMAGINEM DIVI ¦ CHRISTOPHORI."; Text an drei Seiten, am Schluss mit Datum "1554"; recht kräftiger, noch guter bis guter, vereinzelt aber etwas grauer Druck.
e) (=Hollstein II.b und c) Wie vor, am Ende der Textspalte rechts das Datum "1556".
f) (=Hollstein II.d) Heller und Schuchardt führen auch Blätter mit dem Datum 1560 an.
g) Text oben wie vor, Typen in oberster Schriftzeile allerdings gesperrt gesetzt; Lücke oben in Tafel mit Zeichen sowie im Baumumriß links daneben, Randdefekt, später Lücke links oben (ca. 29 mm); noch gute und recht klare, aber nicht ganz gleichmäßige und stellenweise blasse Drucke.
h) Zwei Randlücken unten (ca. 6/10 und 13/14 mm).
i) (=Hollstein II.e) Tondruck vom zweiten, späteren Stock: in den Lichtern auf linkem Knie und Oberschenkel des Heiligen jeweils eine Farblinie; Einfassungslinie links oben auf ca. 56 mm erneuert, Wurmloch im Mantel rechts neben linkem Handgelenk, jetzt zwei Lücken im Saum des Mantelumschlags, Lücke im Baumumriss zwischen Einfassungslinie und Baum am linken Rand, zahlreiche kleine Lücken links in den Wasserschraffuren; noch gute und recht klare bis geringe und z.T. überschwärzte Liniendrucke; Tondrucke nicht gleichmäßig und versetzt.
j) Tondruck wie vor; Schraffuren in den Schatten um den Heiligen sowie rechts am Ufer nachgeschnitten; geringer bis noch guter Liniendruck; nicht gleichmäßiger, versetzter Tondruck.
k) Zwei Randlücken links, zahlreiche unten mit vertikalen, in die Darstellung reichenden Sprungansätzen, zwei Randdefekte rechts unten, oben drei kleine Lücken, mindestens eine mit Sprungansatz; noch gute und kräftige, aber nicht mehr ganz klare Drucke.
[Armin Kunz 2023]
- Zuschreibung
- Lucas Cranach der Ältere, Inventor*in
Zuschreibung
| Lucas Cranach der Ältere, Inventor*in | [cda 2026] |
- Datierung
- 1506
Datierung
| 1506 | [vordatiert im Block] |
- Verwendung
- 1509
1509
Verwendung
| 1509 | I. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| 1509 | I. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| 1509 - 1554 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| 1554 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| 1556 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| 1560 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| ab 1556 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| nach 1560 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| nach 1560 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| nach 1560 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
| nach 1560 | II. Zustand [Armin Kunz/cda 2024] |
- Maße
- Darstellung: 282-284 x 194-202 mm
Maße
Darstellung: 282-284 x 194-202 mm
[Armin Kunz 2023]
- Signatur / Datierung
Bezeichnet und datiert, links oben am Baum: Tafel mit "LC", Schlangensignet (mit aufstehenden Flügeln) und Jahreszahl "1506" (5 spiegelverkehrt)
Signatur / Datierung
Bezeichnet und datiert, links oben am Baum: Tafel mit "LC", Schlangensignet (mit aufstehenden Flügeln) und Jahreszahl "1506" (5 spiegelverkehrt)
Beim II. Zustand Jahreszahl entfernt
[cda 2026]
- Inschriften
Auflage d)
- Über Darstellung: "AD IMAGINEM DIVI || CHRISTOPHORI."
- Unter Darstellung: "IN IMAGINEM DIVI CHRISTOPHERI."
- Dies …Inschriften
Inschriften:
Auflage d)
- Über Darstellung: "AD IMAGINEM DIVI || CHRISTOPHORI."
- Unter Darstellung: "IN IMAGINEM DIVI CHRISTOPHERI."
- Dies zugleich Überschrift eines lateinischen Gedichtes, gedruckt in zwei Spalten, mit Autorenangabe "Iohan. Stigelius."
- Rechts der Darstellung: Lateinisches Gdicht in 80 Versen, einspaltig gedruckt, Überschrift in Griechisch und Latein "AD PASTOREM THEO= || DORIENSEM.", mit Jahresangabe am Ende "1554".
Auflage e)
- Über Darstellung: "AD IMAGINEM DIVI || CHRISTOPHORI."
- Unter Darstellung: "IN IMAGINEM DIVI CHRISTOPHERI."
- Dies zugleich Überschrift eines lateinischen Gedichtes, gedruckt in zwei Spalten, mit Autorenangabe "Iohan. Stigelius."
- Rechts der Darstellung: Lateinisches Gdicht in 80 Versen, einspaltig gedruckt, Überschrift in Griechisch und Latein "AD PASTOREM THEO= || DORIENSEM.", mit Jahresangabe am Ende "1556".
Auflage g)
- Über Darstellung, nun gesperrt gesetzt: "AD IMAGINEM DIVI || CHRISTOPHORI."
- Unter Darstellung: "IN IMAGINEM DIVI CHRISTOPHERI."
- Dies zugleich Überschrift eines lateinischen Gedichtes, gedruckt in zwei Spalten, mit Autorenangabe "Iohan. Stigelius."
- Rechts der Darstellung: Lateinisches Gdicht in 80 Versen, einspaltig gedruckt, Überschrift in Griechisch und Latein "AD PASTOREM THEO= || DORIENSEM."
[Daniel Görres, cda 2026]
- CDA ID
- LC_HVI-56_79
- Bartsch-Nr.
- VII.283.58
- GND-Nr.
- https://d-nb.info/gnd/1074436334
- Permalink
- https://lucascranach.org/de/LC_HVI-56_79/