Lucas Cranachs Holzschnitt zeigt den hl. Georg zu Pferd, geharnischt und mit Lanze bewaffnet als Besieger des zu Boden gestreckten Drachens. In der Geschichte des farbigen Druckens markiert dieser Holzschnitt einen Meilenstein: Mit bahnbrechenden Neuerungen erreichte Cranach um 1507 die technische Vorstufe zum Clair-obscur-Holzschnitt, den Burgkmair d. Ä. seit 1508
Lucas Cranachs Holzschnitt zeigt den hl. Georg zu Pferd, geharnischt und mit Lanze bewaffnet als Besieger des zu Boden gestreckten Drachens. In der Geschichte des farbigen Druckens markiert dieser Holzschnitt einen Meilenstein: Mit bahnbrechenden Neuerungen erreichte Cranach um 1507 die technische Vorstufe zum Clair-obscur-Holzschnitt, den Burgkmair d. Ä. seit 1508 und er selbst seit 1509 entwickelte. Hierbei wird von mehreren Holzstöcken gedruckt, wobei die Illusion weißer, aufgesetzter Glanzlichter durch übereinstimmende Aussparungen in den Druckstöcken entsteht, die beim Abzug das Weiß des Papiers als zusätzliche „Farbe“ stehen lassen.
Cranachs Heiliger Georg nimmt in der Entwicklung vom Schwarzlinien- zum Clair-obscur-Holzschnitt eine Scharnierfunktion ein, denn als Novum verwendete er hier erstmals nach dem Linienblock einen weiteren Holzstock für die Glanzlichter in Weiß. Der Abdruck auf einem mit dem Pinsel farbig lavierten Papier imitierte die damals hochgeschätzten Hell-Dunkel-Zeichnungen auf farbigem Grund.
Von dem zweifarbigen Zustand existieren heute weltweit nur noch zwei Exemplare – neben dem Dresdner Blatt mit weißlichen aufgedruckten Lichtern ein weiterer Abzug im British Museum mit Lichtern in Gold (London, Department of Prints and Drawings, British Museum, Inv. 1895-1-22-264). Bemerkenswert ist, dass zu diesen beiden exquisiten Abzügen auch noch zahlreiche Drucke dazukommen, die nur vom schwarzen Linienblock genommen worden waren; sie datieren aber später als jene auf farbigem Papier. Für diese Reihenfolge spricht die Veränderung des links platzierten Kurfürstenwappens. Das Dresdner und das Londoner Blatt zeigen die zwei gekreuzten Schwerter auf horizontal geteiltem Grund, oben weiß und unten schwarz. Zudem ist die Schildform vom rechten sächsischen Wappen abweichend. In den Abzügen vom schwarzen Linienstock ist die Platzierung der Farben im Wappengrund vertauscht, oben schwarz und unten weiß. Auch die Form des Schildes ist nun dem sächsischen Wappen angeglichen. Bei Holzstöcken lassen sich solche Veränderungen durch Austausch vornehmen: Indem die zu ersetzenden Flächen weggeschnitten werden und ein Stück Holz mit den neuen Formen an ihrer Stelle aufgepfropft wird, ist im Druck eine Bearbeitung kaum noch sichtbar. Daher ist es wahrscheinlich, dass die in kleiner Auflage gedruckten Blätter auf blauem Grund zuerst entstanden waren und erst danach im schwarzen Linienstock die erste Version des linken Wappens ersetzt wurde (für diese Reihenfolge sprach sich auch Flechsig aus: Flechsig 1900, Frontispiz). Zudem scheint diese Abänderung noch mindestens ein weiteres Mal vorgenommen worden zu sein, denn auch innerhalb der Gruppe der Drucke auf ungetöntem Papier weichen die Partien mit dem kurfürstlichen Wappen voneinander ab (vgl. [DE_SKD_A1912-603] vs. [DE_SMBKSK_121-1888]).
Drucke vom schwarzen Linienstock waren im Unterschied zu den zweifarbigen Varianten für den breiten Verkauf gedacht, da ohne kostbare Materialien eine rentable Anzahl an Abzügen hergestellt werden konnte (AK Düsseldorf 2017, S. 64). Aus diesem Grund sind von ihnen auch deutlich mehr Exemplare überliefert, wodurch die beiden Blätter auf blauem Grund nicht nur hinsichtlich der Materialien, sondern auch infolge ihrer Einmaligkeit als Raritäten unter Massenerzeugnissen gelten dürfen. Zugleich liegt in der autonomen Verwendung des Druckstocks mit den schwarzen Linien ein zentraler Unterschied zum Clair-obscur-Holzschnitt: Jener braucht alle Farbstufen; würde eine weggelassen werden, fehlte auch ein Teil der Darstellung.
1507 hatte der Augsburger Humanist Konrad Peutinger durch den Kämmerer Friedrichs des Weisen, Degenhart Pfeffinger (1471–1519), von Cranach mit Gold und Silber gedruckte Holzschnitte geharnischter Reiter zugeschickt bekommen. Sie scheinen Peutinger, dem seit 1508 als Berater Maximilians I. die Überwachung sämtlicher kaiserlicher Druckprojekte oblag, stark beeindruckt zu haben und bewogen ihn dazu, mit eigenen Künstlern das Druckverfahren in Gold und Silber weiterzuentwickeln (AK Düsseldorf 2017, S. 59; zu den Quellen: ebd. S. 65, Anm. 6-8 und AK Basel I (1974), Nr. 14). Im September 1508 schickte er entsprechende Probestücke von Rittern zur Begutachtung an den sächsischen Hof. Hierbei handelte es sich gewiss um Burgkmairs Holzschnitte „Heiliger Georg“ (New York, The Metropolitan Museum of Art, Inv. 31.81.4) und „Kaiser Maximilian I.“ (Wien, Albertina, Inv. DG1934/65). Zu einem späteren Zeitpunkt wurde in beiden Fällen die mit Edelmetall gefärbte Linienplatte durch eine Tonplatte (vermutlich von Jost de Negker) ersetzt, bei der die ausgesparten Lichter den Papiergrund durchscheinen ließen. Als Reaktion auf diese in Augsburg entwickelten Neuerungen schuf nun Cranach 1509 seine ersten Clair-obscur-Holzschnitte ([LC_HVI-81_105] und [DE_SKD_A1912-603]). Diese Drucke datierte er auf 1506 zurück, also auf die Zeit vor oder um die Entstehung seines ohne Jahreszahl gedruckten Heiligen Georgs. Allerdings verwendete er hierfür das Signum der geflügelten Schlange, das ihm erst 1508 als Familienwappen verliehen worden war. Vielleicht versuchte Cranach auf diese Weise Ansprüche als Vorreiter der Burgkmair’schen Erfindung geltend zu machen. Auf dem um 1507 entstandenen Dresdner Blatt des Heiligen Georg erscheint hingegen noch das Monogramm „LC“. Dass dieses im weißen statt schwarzen Linienblock eingeschnitten wurde, ist ein Indiz dafür, dass der Holzschnitt von Anfang an als Zweifarbendruck konzipiert war, selbst wenn die Umrisse – wie später erfolgt – auch unabhängig gedruckt werden konnten.
David Landau und Peter Parshall deuten den weißlichen Aufdruck als Klebesubstanz für das aufgebrachte Edelmetall, das mit der Zeit abgeblättert sei (Landau/Parshall 1994, S. 187, S. 392, Anm. 40). Minimale Spuren von Gold sind zwar unter dem Mikroskop nachweisbar, es deutet aber nichts darauf hin, dass es zu nachträglichen Goldverlusten gekommen wäre. Ob es sich tatsächlich um eine Klebesubstanz handelt oder um helle Druckfarbe, die entweder als Untergrund für eine nicht ausgeführte Goldhöhung oder als ausschließliche Weißhöhung dienen sollte (vgl. AK Basel I (1974) Nr. 14), bleibt auch nach den jüngsten umfassenden Untersuchungen ungeklärt.
[Claudia Schnitzer, Rahel Müller, Kupferstich-Kabinett Dresden, 2026]
Verwendung:
I. Zustand
a) Schwarze Tinktur des Kurwappens unten; Tondruck mit Monogramm "LC"; Defekt innen in Einfassungslinie rechts unten; sehr gute bis hervorragende Liniendrucke; sorgfältige, gute Tondrucke in Weiß.
b) Goldener Tondruck
II. Zustand
c) Schwarze Tinktur des Kurwappens oben; Randlücke unten Mitte (ca. 20/22 mm), rechts unten jetzt kleine Randlücke; gute bis sehr gute, kräftige aber nicht immer ganz gleichmäßige, zum linken Rand hin blassere Drucke.
d) Links nur schmale Einfassungslinie; links an Burg herausragende Fahnenstange defekt, Randlücke links oben am unteren Wappenfeld, zwei kleinere, bald eine größere links ganz unten (ca. 15 mm), kleine Fehlstelle in linker unterer Ecke, eine Randlücke oben ganz rechts (ca. 5 mm); gute aber nicht gleichmäßige, v.a. links blasse Drucke.
e) Vertikaler Riss von der Mähne bis zu den Vorderbeinen des Pferdes, zweite Randlücke unten (ca. 12 mm), rechte obere Ecke der Einfassungslinie fehlt (rechts ca. 13, oben ca. 7 und 13 mm), weitere Randlücke oben links der Lanze; noch recht kräftige, aber geringe, nicht gleichmäßige und leicht bräunliche Drucke.
[Armin Kunz 2023]
- Zuschreibung
- Lucas Cranach der Ältere, Inventor*in
Zuschreibung
| Lucas Cranach der Ältere, Inventor*in | [cda 2019] |
- Datierung
- um 1507
Datierung
| um 1507 | [cda 2026] |
- Verwendung
- um 1507
nach 1507
Verwendung
| um 1507 | [cda 2026] |
| nach 1507 | [cda 2026] |
| nach 1507 | [cda 2026] |
| nach 1507 | [cda 2026] |
| nach 1507 | [cda 2026] |
- Maße
- Darstellung: 231-233 × 158-160 mm
Maße
Darstellung: 231-233 × 158-160 mm
[cda 2023]
- Signatur / Datierung
Im Tonblock bezeichnet, unten rechts am Huf: Monogramm "LC"
Signatur / Datierung
Im Tonblock bezeichnet, unten rechts am Huf: Monogramm "LC"
- CDA ID
- LC_HVI-58_81
- Bartsch-Nr.
- VII.284.65
- GND-Nr.
- https://d-nb.info/gnd/1074718364
- Permalink
- https://lucascranach.org/de/LC_HVI-58_81/