Zu den herausragenden Zeichnungen Cranachs zählen großformatige gezeichnete Bildnisse von Zeitgenossen – oft Mitglieder des sächsischen Fürstengeschlechts, teilweise auch nicht identifizierte. Hier treffen Zeichner und Maler aufeinander und teilen sich die linearen und modellierenden Anteile.
Dabei beschäftigte vor allem die Frage der Zuschreibung an den Älteren oder Jüngeren die Forschung.
Zu den herausragenden Zeichnungen Cranachs zählen großformatige gezeichnete Bildnisse von Zeitgenossen – oft Mitglieder des sächsischen Fürstengeschlechts, teilweise auch nicht identifizierte. Hier treffen Zeichner und Maler aufeinander und teilen sich die linearen und modellierenden Anteile.
Dabei beschäftigte vor allem die Frage der Zuschreibung an den Älteren oder Jüngeren die Forschung. Das Berliner Bildnis eines bärtigen Mannes wurde unter Woltmann zunächst Holbein d. J. – wohl aufgrund einer rückseitigen Beschriftung, die als «H», aber eher als «44» gelesen werden könnte – zugeschrieben, ehe es von Bock Cranach d. Ä. zugewiesen wurde. Seit Zimmermann wird Cranach d. J. als Urheber diskutiert, wobei noch Rosenberg sie in das Verzeichnis zum Älteren – zwar mit Einschränkung – aufnahm (vgl. etwa Rosenberg 1960, Kat. Nr. 92). Erst die durch kunsttechnologische Untersuchungen untermauerten Analysen durch Georg Josef Dietz und Guido Messling im Jahr 2015 haben zu einer Verortung im Werk Cranachs d. J. geführt (vgl. Messling, Dietz in: Ausst.-Kat. Lutherstadt Wittenberg 2015, S. 115).
Bei der Zeichnung handelt es sich um eine Ölstudie, die Stephanie Buck ausführlich beschrieben hat (Buck in Werner/Eusterschulte/Heydenreich 2015, bes. S. 145). Sie ist auf einem bräunlichen Papier ausgeführt, dessen Farbe wohl zumindest teilweise von einer öligen Behandlung herrührt. Die Umrisse im Bereich des Kopfes wurden mit schwarzem Stift und die Büste mit schwarzem trockenen Pinsel vorbereitet, wobei die trockenen Pinselzüge als Anlage stehengeblieben sind und zum charakteristischen Erscheinungsbild der Bildnisstudien beitragen. Das Inkarnat und die Modellierung der Physiognomie sind mit fein nuancierten ölhaltigen Farben vorgestellt. Der ölig präparierte Grund sollte vermutlich ein Absinken des Bindemittels aus der Malfarbe in das Papier verhindern. Lichtreflexe wurden mit Bleiweiß hinzugefügt, wobei ganze Partien hell hervortreten. Auffällig sind die dadurch im Inkarnat entstehende Lebendigkeit und Strahlkraft in der Darstellung. Die fleischliche Tönung und die gleichmäßige Differenzierung von Bart- und Gesichtshaaren dürfen darüber hinaus als verbindende Merkmale in der Gruppe der Cranach d. J. zugeschriebenen Bildniszeichnungen betrachtet werden (vgl. Messling, Dietz in: Ausst.-Kat. Lutherstadt Wittenberg 2015, S. 119). Da das Bildnis keinem datierten Werk zugeordnet werden kann, ist bislang weder eine Identifizierung des Dargestellten noch eine Datierung überzeugend gelungen. Mehrere ähnliche und Cranach dem Jüngeren zugeschriebene Bildnisse werden in die Zeit um 1540 – 1550 datiert (z.B. die Ölstudie in Reims (CDA ID: FR_MR_795-1-266), die das Bildnis des Herzogs I. von Pommern-Wolgast in Szczecin vorbereitet, das 1541 datiert ist (CDA ID: PL_MNS_Szt-1382) und um 1550 (Reims, CDA ID: FR_MR_795-1-276) mit ähnlich differenzierten Modellierungen der Physiognomie. So dürfte auch unser Bildnis in den 1540er Jahren entstanden sein.
[Georg Josef Dietz, Mailena Mallach und Rahel Müller im Rahmen des Cranach-Forschungsprojekts, April 2026]