Die Madonna mit dem Kinde (sog. Madonna unter den Tannen)

Die Madonna mit dem Kinde (sog. Madonna unter den Tannen)

Titel

Die Madonna mit dem Kinde (sog. Madonna unter den Tannen)

[Friedländer, Rosenberg 1979, No. 29]

Madonna mit Kind unter den Bäumen

[Heydenreich 2007 A, 67]

Malerei auf Holz

Material / Technik

Malerei auf Holz

[cda 2012]

Die Tafel zeigt die Jungfrau mit dem Kind vor einer weiten Landschaft. Hinter einem steinernen Sims stehend, hält Maria das Kind in beiden Händen über einem aufwendig verzierten Kissen und blickt ihren Sohn dabei liebevoll an. Das Jesuskind erwidert den Blick und hält in seinen Händen Weintrauben als Zeichen der

Die Tafel zeigt die Jungfrau mit dem Kind vor einer weiten Landschaft. Hinter einem steinernen Sims stehend, hält Maria das Kind in beiden Händen über einem aufwendig verzierten Kissen und blickt ihren Sohn dabei liebevoll an. Das Jesuskind erwidert den Blick und hält in seinen Händen Weintrauben als Zeichen der Eucharistie. Er liegt auf dem fast durchsichtigen Schleier der Maria, der auch ihre mittig gescheiteltes braunes Haar bedeckt. Über einem rotem Gewand trägt sie einen blauen weiten Mantel. Links neben dem Kissen liegt ein Siegelring, der speigelverkehrt das Monogramm "L.C" und das Cranachs Schlagensignet ziert. Im Hintergrund erheben sich drei, fälschlicherweise als Tannen bezeichneten Bäume über einigen Büschen. Sie erlauben den Blick auf eine bergige Landschaft. Am linken Rand thront eine Burg auf einem hohen Felsmassiv.

[Görres, cda 2012]

Zuschreibung
Lucas Cranach der Ältere

Zuschreibung

Lucas Cranach der Ältere

[Friedländer, Rosenberg 1979, No. 29]
[Wittmann 1998, 169]
[Exhib. Cat, Düsseldorf 2017, 164, No. 72]

Datierung
um 1510

Datierung

um 1510

[Exhib. Cat, Düsseldorf 2017, 164, No. 72][Wittmann 1998, 169][Friedländer, Rosenberg 1979, No. 29][

Maße
Maße Bildträger: 70,3 x 56,5 cm

Maße

  • Maße Bildträger: 70,3 x 56,5 cm

  • [Exhib. Cat, Düsseldorf 2017, 164, No. 72]

Signatur / Datierung
Signiert am linken unteren Bildrand auf einem Siegelring mit "L.C." (seitenverkehrt) und einer Schlange mit aufrecht stehenden Flügeln (in schwarz mit roter Krone und Rubinring)

Signatur / Datierung

  • Signiert am linken unteren Bildrand auf einem Siegelring mit "L.C." (seitenverkehrt) und einer Schlange mit aufrecht stehenden Flügeln (in schwarz mit roter Krone und Rubinring)

  • [Heydenreich, cda 2012]

Eigentümer
Erzdiözese Breslau
Besitzer
Muzeum Archidiecezjalne Wroclaw
Standort
Wroclaw
CDA ID
PL_DMW
FR (1978) Nr.
FR029
Permalink
https://lucascranach.org/de/PL_DMW/

Provenienz

  • Seit dem 16. Jahrhundert in der Kathedrale St. Johannes der Täufer, Wroclaw (Breslau), in der Johanniskapelle und später in der Schatzkammer
  • 1943 Auslagerung während des Krieges und nach 1945 Rückführung ins Diözesanmuseum, Wroclaw (Breslau)
  • Von 1946/47 bis 2012 befand sich das Werk in wechselndem Besitz (u.a. in Bernau, München, London, St. Gallen)
  • Am 27.07.2012 wurde es der Erzdiözese Wroclaw zurückgegeben
    [http://www.msz.gov.pl/%E2%80%9CMadonna,under,the,Fir,Tree,
    ,another,precious,painting,lost,after,World,War,II,
    ,returned,to,Poland,55863.html; 12.09.2012](Seite nicht mehr aufrufbar)

Ausstellungen

Berlin 1937
Düsseldorf 2017, Nr. 72

Quellen / Publikationen

Erwähnt auf Seite Katalognummer Tafel
Exhib. Cat. Düsseldorf 2017 164 No. 72
HerausgeberGunnar Heydenreich, Daniel Görres, Beat Wismer
TitelLucas Cranach der Ältere. Meister - Marke - Moderne. [anlässlich der Ausstellung "Cranach. Meister - Marke - Moderne", Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, 08. April 2017 - 30. Juli 2017]
Ort der VeröffentlichungMünchen
Jahr der Veröffentlichung2017
Exhib. Cat. Florence 2017 92 under no. 15
HerausgeberFrancesca de Luca, Giovanni Maria Fara
Titel I volti della Riforma. Lutero e Cranach nelle collezioni medicee [Uffizi, Florence]
Ort der VeröffentlichungFlorence, Milan
Jahr der Veröffentlichung2017
Kuhnke 2015 54-57 p. 55
Autor/inMonika Kuhnke
TitelKunstgegenstände, Archivalien, Wiegendrucke und Handschriften - Restitutionen des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen (1999-2015)
Veröffentlichungin Wojciech Kowalski, Monika Kuhnke, Looted and restituted. Polish Ministry of Foreign Affairs' efforts to restitute Poland's cultural property lost during World War II
Ort der VeröffentlichungKrakow
Jahrgang2nd edition
Jahr der Veröffentlichung2015
Seiten38-94
Aikema 2010 26
Autor/inBernard Aikema
TitelCranach. A different Renaissance
Veröffentlichungin Anna Coliva, Bernhard Aikema, eds., Cranach l'altro rinascimento, a different Renaissance, Exhib.Cat. Rome
Ort der VeröffentlichungRome
Jahr der Veröffentlichung2010
Seiten13 - 33
Heydenreich 2007 A 67, 68, 201, 204 167
Autor/inGunnar Heydenreich
TitelLucas Cranach the Elder
Ort der VeröffentlichungAmsterdam
Jahr der Veröffentlichung2007
Link https://lucascranach.org/application/files/6116/2097/3099/Heydenreich_2007_Lucas_Cranach_the_Elder.pdf
Heydenreich 2007 B 42, 43 33
Autor/inGunnar Heydenreich
Titel"... dass Du mit wunderbarer Schnelligkeit malest". Virtuosität und Effizienz in der künstlerischen Praxis Lucas Cranachs d. Ä.
Veröffentlichungin Bodo Brinkmann, ed., Cranach der Ältere, Exhib. Cat. FrankfurtA
Ort der VeröffentlichungOstfildern
Jahr der Veröffentlichung2007
Seiten29-47
Kretschmann 2001 39-56
Autor/inGeorg Kretschmann
TitelFaszination Fälschung. Kunst-, Geld- und andere Fälscher und ihre Schicksale
Ort der VeröffentlichungBerlin
Jahr der Veröffentlichung2001
Grimm 1998 80
Autor/inClaus Grimm
TitelDie Anteile von Meister und Werkstatt. Zum Fall Lucas Cranach d.Ä.
Veröffentlichungin Ingo Sandner, Wartburg-Stiftung Eisenach and Fachhochschule Köln, eds., Unsichtbare Meisterzeichnungen auf dem Malgrund. Cranach und seine Zeitgenossen, Exhib. Cat. Eisenach
Ort der VeröffentlichungRegensburg
Jahr der Veröffentlichung1998
Seiten67-82
Heydenreich 1998 A 190, 191,
Autor/inGunnar Heydenreich
TitelHerstellung, Grundierung und Rahmung der Holzbildträger in den Werkstätten Lucas Cranachs d.Ä.
Veröffentlichungin Ingo Sandner, Wartburg-Stiftung Eisenach and Fachhochschule Köln, eds., Unsichtbare Meisterzeichnungen auf dem Malgrund. Cranach und seine Zeitgenossen, Exhib. Cat. Eisenach
Ort der VeröffentlichungRegensburg
Jahr der Veröffentlichung1998
Seiten181-200
Wittmann 1998 169, 172 Fig. 20.1
Autor/inJan Wittmann
TitelDie Bedeutung des Marienbildes im Schaffen Cranachs
Veröffentlichungin Ingo Sandner, Wartburg-Stiftung Eisenach and Fachhochschule Köln, eds., Unsichtbare Meisterzeichnungen auf dem Malgrund. Cranach und seine Zeitgenossen, Exhib. Cat. Eisenach
Ort der VeröffentlichungRegensburg
Jahr der Veröffentlichung1998
Link http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2012/2050
Seiten169-180
Friedländer, Rosenberg 1979 29
Autor/inMax J. Friedländer, Jakob Rosenberg
HerausgeberG. Schwartz
TitelDie Gemälde von Lucas Cranach
Ort der VeröffentlichungBasel, Boston, Stuttgart
Jahr der Veröffentlichung1979
Friedländer, Rosenberg 1978 29
Autor/inMax J. Friedländer, Jakob Rosenberg
TitelThe Paintings of Lucas Cranach
Ort der VeröffentlichungNew York
Jahr der Veröffentlichung1978
Exhib. Cat. Basel 1974/1976 523, 526, 531 under No. 372
Autor/inDieter Koepplin, Tilman Falk
TitelLukas Cranach. Gemälde, Zeichnungen und Druckgraphik
Band1, 2
Ort der VeröffentlichungBasel, Stuttgart
Jahr der Veröffentlichung1974
Link http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:16-diglit-104522
Schade 1974 41, 66 pl. 55
Autor/inWerner Schade
TitelDie Malerfamilie Cranach
Ort der VeröffentlichungDresden
Jahr der Veröffentlichung1974
Link http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/schade1974
Stankiewicz 1965 348-356
Autor/inDaniela Stankiewicz
TitelWroclawski obraz Lukasza Cranacha starszego "Madonna pod jodlami"
ZeitschriftBiuletyn Historii Sztuki
Jahrgang27
Jahr der Veröffentlichung1965
Seiten348-357
Müller-Hofstede 1958 2-3
Autor/inCornelius Müller-Hofstede
TitelZwei schlesische Madonnen von Lucas Cranach - eine Erinnerung
ZeitschriftSchlesien. Kunst, Wissenschaft, Volkskunde
Jahrgang3 (1958)
Jahr der Veröffentlichung1958
Posse 1943 50 Fig. V
Autor/inHans Posse
TitelLucas Cranach d. Ä.
Ort der VeröffentlichungVienna
JahrgangSecond edition
Jahr der Veröffentlichung1943
Exhib. Cat. Berlin 1937 16 013 Pl. 23
HerausgeberStaatliche Museen, Berlin
TitelLucas Cranach d. Ä. und Lucas Cranach d. J. Gemälde, Zeichnungen, Graphik
Ort der VeröffentlichungBerlin
Jahr der Veröffentlichung1937
Burgemeister, Grundmann 1933
Autor/inL. Burgemeister, Günther Grundmann
TitelKunstdenkmäler der Stadt Breslau
Band2
Ort der VeröffentlichungBreslau
Jahr der Veröffentlichung1933
Friedländer, Rosenberg 1932 28
Autor/inMax J. Friedländer, Jakob Rosenberg
TitelDie Gemälde von Lucas Cranach
Ort der VeröffentlichungBerlin
Jahr der Veröffentlichung1932
Link http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/friedlaender1932
Glaser 1923 108
Autor/inCurt Glaser
TitelLukas Cranach
Ort der VeröffentlichungLeipzig
Jahr der Veröffentlichung1923
Link http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/glaser1923
Flechsig 1900 A 12
Autor/inEduard Flechsig
TitelCranachstudien
Band1
Ort der VeröffentlichungLeipzig
Jahr der Veröffentlichung1900
Link http://www.archive.org/stream/cranachstudien01flecuoft
Exhib. Cat. Dresden 1899
HerausgeberKarl Woermann
TitelDeutsche Kunstausstellung Dresden 1899. Abteilung Cranach-Ausstellung. Wissenschaftliches Verzeichnis der ausgestellten Werke
Ort der VeröffentlichungDresden
Jahr der Veröffentlichung1899
Link http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00002A2400000000
Förster 1898 265-269
Autor/inRichard Förster
TitelNeue Cranachs in Schlesien
ZeitschriftSchlesiens Vorzeit in Bild und Schrift. Zeitschrift des Vereins für das Museum Schlesischer Altertümer
Jahrgang7 (1898)
Jahr der Veröffentlichung1898
Seiten265-269
Knötel 1893/1894 215-219 pls. XXVI, XXVII
Autor/inPaul Knötel
TitelÜber einige Bilder Cranachs und seiner Schule in schlesischen Kirchen und Museen. Schlesiens Vorzeit
ZeitschriftZeitschrift des Vereins für das Museum Schlesischer Altertümer
Jahrgang5
Jahr der Veröffentlichung1893
Seiten215-218

Beschreibung/ Interpretation/ Kommentare

Deutsche Zusammenfassung des Textes Cudownie odnaleziona von Hanna Benesz, in "Art&Business”, Nr. 12/2012 (263), S. 120-123.

"Wundervoll wiederentdeckt": Entwendet nach dem Krieg und gewickelt in Wachstuch für 65 Jahre kehrt sie triumphal, fast wie ein Filmstar, zurück. Dies ist die Geschichte der "Jungfrau mit Kind unter den Tannen", einem der schönsten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren.

Der Text basiert auf dem Bericht Wlodzimierz Kalickis aus der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza” vom 28. Juli 2012 über das Verschwinden des Gemäldes.

Das Kapitel 400 Jahre Frieden erinnert an die Geschichte des Auftrags an die Wittenberger Cranach-Werkstatt durch die Kanoniker des Doms von Wroclaw um das Jahr 1510. Die Tafel verblieb im Dom für 400 Jahre bis es aus Sicherheitsgründen 1943 ausgelagert wurde. Beschädigt (in zwei Teilen) kehrte es bereits 1945 dorthin zurück. Die neuen Kirchenoberen beauftragten den seit Vorkriegszeiten im Erzbischöflichen Museum tätigen Priester Siegfried Zimmer mit der Restaurierung. Statt dieser fertigten Pater Zimmer und der junge angehende Maler Georg Kupke eine Kopie des Gemäldes an und schmuggelten die Tafel als Tablett getarnt, in Wachstuch gehüllt und mit einer Tasse darauf, außer Landes als sie von der kommunistischen Regierung gezwungen wurden Schlesien zu verlassen. Kupke, der Wroclaw ein halbes Jahr früher verließ, berichtete später, dass er Zimmer 1947 und 1952 in seiner Wohnung in Bernau bei Berlin besuchte und die Madonna beide Male in dessen Schlafzimmer gesehen habe. Zimmer habe erklärt, er wolle das Gemälde der katholischen Kirche übergeben, wenn es im gelänge in den Westen zu kommen, denn die sowjetische Besatzungszone sei nicht sicher. Als sich Zimmer jedoch 1954 in München befand, wohin er für theologische Studien abgesandt wurde, geschah dies nicht. In den sechziger Jahren verkaufte er die Tafel an einen Antiquitätenhändler, der ihn mit ägyptischen Altertümern versorgte, galt diesen doch des Priesters Passion. Der Umstand, dass in Wroclaw lediglich eine Kopie zurückgeblieben ist, wurde erst 1961 entdeckt als das Gemälde zur Vorbereitung auf eine Farbaufnahme im Auftrag eines französischen Verlags restauriert werden sollte. Ein Bericht der Restauratorin Daniela Stankiewicz erschien 1965 in der Fachzeitschrift "Biuletyn Historii Sztuki".

Das Kapitel 65 Jahre der Odyssee erzählt vom Verbleib der Tafel auf dem "grauen" Kunstmarkt mit vielen Angeboten an öffentliche und private Sammlungen, über Georg Kuppkes Versuche das Gemälde ausfindig zu machen (1985 im "Stern" geschildert), über die gemeinsamen Anstrengungen der Deutschen Bischofskonferenz und des Erzbischofs von Wroclaw Henryk Gulbinowicz im Jahr 1981 zu beweisen, dass ein im Handel präsentiertes Besitzzertifikat gefälscht war, über die polizeilichen Ermittlungen in München, die wegen Mangel an Beweisen eingestellt wurden und schließlich über einen Aufsehen erregenden Brief der katholischen Kirche von St. Gallen, die den Erzbischof von Wroclaw im Februar 2012 darüber in Kenntnis setzt, dass die Madonna als Spende einer anonymen Person in St. Gallen sei und man sich entschlossen habe, sie an ihren angestammten Platz zurückkehren zu lassen.

Eine Beschreibung und Analyse des Gemäldes liefert das Kapitel Die neue Eva und kommentiert dabei Zeitungsmitteilungen vom Juli 2012 über den Schmutz unter den Nägeln der Madonna und des Kindes, der vom Spielen der beiden im Sand herrührt. Dieses ungewöhnliche Detail, zu beobachten von jedem, der das Privileg hat die Tafel im Original zu sehen, ist statt ein unspezifisches Realismusbestreben zu sein, vielmehr ein Symbol der Demut des fleischgewordenen Sohn Gottes. Die Bildaussage zielt auf die Erlösung durch den Gottessohn und das Sakrament der Eucharistie ab, hier angedeutet durch die Trauben, die das Jesuskind im Schoß hält (als Symbol des Blutes) und durch Marias meisterlich gemalten durchsichtigen Schleier, den sie benutzt um ihr Kind zu halten. Dies erinnert an den Eucharistieritus des Priesters, der die Monstranz nicht mit seinen bloßen Händen, sondern mit einem Tuch hält. Der Betrachter hat folglich ein Abbild der Anbetung des Körpers und Bluts Christi vor Augen. Ein Abbild, denn die Brüstung ist hier ein Kompositionselement, das die dargebotene Vision nichts anderes als eine Bild und nicht eine Evokation der wahren Heiligkeit. Es soll der Kontemplation dienen und nicht Gegenstand des Kults selbst sein (was für Lutheraner ein wichtiger Gedanke wurde).

Die Aussage der "Madonna unter den Tannen" ist eine Fortführung und Vollendung von Cranachs "Adam und Eva" aus der gleichen Phase, der Zeit um 1510. Die junge Menschheit, die das Paradies durch ihren Ungehorsam verlor, kann jetzt Hoffnung schöpfen. Die Tradition der biblischen Typologie verbindet Eva und Maria. Der liturgischer Text über die Jungfrau Maria beinhaltet folgende Worte: "Was Eva durch ihre Untreue verlor, gewann Maria durch ihren Glauben und wurde zu Trost und Hoffnung für Pilger auf dieser Erde." Cranach war sich dieser Parallele bewusst: eine seiner späteren Mariendarstellungen (um 1530 in der St. Petersburger Eremitage) folgt dem Gesichtstypus einer Eva aus dem Courtauld Institute in London (1526) und wird unter einem ähnlichen Apfelbaum mit vielen Früchten gezeigt, der traditionell mit dem verbotenen Baum assoziiert wird.

Dass die Madonna künstlerische Meisterschaft der frühen Wittenberger Phase in ihrem vollem Umfang zeigt, verdeutlicht das Kapitel Die neue Landschaft. Raumgreifende Figuren, so verschieden zu Cranachs späterem linearem Stil, verraten italienische Einflüsse, mit denen der Künstler in den humanistischen Kreisen Wiens - Cranachs Wirkungsort in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts - in Kontakt gekommen sein kann. Darstellungen der Jungfrau vor Landschaftshintergrund und hinter einer Brüstung und mit ähnlicher Plastizität und Sanftheit schuf der berühmte venezianische Maler Giovanni Bellini in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Auch niederländische Maler aus dem Umkreis des Rogier van der Weyden zeigten die Jungfrau vor einem Landschaftshintergrund, jedoch unterscheidet sich die Madonna aus Wroclaw grundsätzlich von diesen Ausführungen, auch wenn Cranachs Präzession und realistische Oberflächenbehandlung dieser zuletzt genannten Tradition entstammt. Die Fähigkeiten des Künstlers lassen sich bei der Vegetation, vor allem den Pflanzen im Vordergrund, beim grauen und weißen Moos auf den Tannen und bei der Darstellung anderer Oberflächen wie der juwelenähnlichen Dekoration des Kissens, den Fransen, dem Brokat und vor allem der Transparenz von Maria Schleier beobachten.

Das wichtigste Element, das Cranachs Komposition von italienischen und niederländischen Gemälden unterscheidet, ist die typisch mitteleuropäische Landschaft mit felsiger Wildnis und Nadelwald. Der Wald war für Cranach immer ein sehr wichtiger Aspekt, auch als seine Kompositionen in den 1520er Jahren konventioneller werden. Die Landschaft der Madonna aus Wroclaw gehört immer noch zu den früheren, sehr einfallsreichen und malerischen Abbildungen von Wald und Gebirge. Eines der wichtigsten Gemälde der Wiener Phase, "Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten" von 1504, das seinen Ruhm als Pionier der "Donauschule" begründete, etabliert eine eigenständige Landschaftsdarstellung, denn zuvor erschien der deutsche Wald wie eine reine Staffage für die dargestellte Historie. Bei diesem bahnbrechenden Werk ist die Natur mit der Erzählung im Einklang gebracht indem sie Gegenstand der Kontemplation wird und sogar mit der Heiligen Familie, die Schutz in ihr sucht, interagiert. Josef wird von einem Zweig der Tanne umarmt, wie vom Arm eines Freundes!

Lucas Cranach und später Albrecht Altdorfer verbildlichten in ihren Gemälden das Interesse der deutschen Humanisten wie Conrad Celtis, Johannes Aventius oder Ulrich von Hutten am "deutschen Wald”. Deren Faszination für dieses Thema wurde von der Entdeckung einer Kopie der "Germania” des Tacitus im Kloster Hersfeld und deren Untersuchung in Rom durch den zukünftigen Papst Pius II. initiiert. Das Werk wurde die Quelle für Mythen und Vorurteile über die Bewohner des "hyperboreischen” Waldlandes. Die Humanisten erhoben den legendären herzynischen Wald (silva hercynia) in den Rang eines nationalen Merkmals. Es war vor allem Celtis, der kreative Leser des Tacitus, der die trostlose Deutung des Waldes als Umfeld einer zwiespältigen Natur, die gleichermaßen Faszination und Furcht auslöst, in den Stolz der Deutschen wandelte und ihn zu einem Ort heroischer Rittertaten, einem Tempel und dem Sitz der Musen machte. Aber der Wald wurde nicht nur als Sitz eines heidnischen Kultes angesehen, denn bei Darstellungen büßender Heiliger wie Johannes der Täufer, Maria Magdalena, Antonius oder Hieronymus ist die waldige Wildnis eine Ort der Kontemplation und Gottesschau.

Dieser Exkurs bringt uns hier zurück zur Madonna aus Wroclaw. Der Wald ist hier durch zwei Tannen und einen jungen Kiefernbusch auf der rechten Seite angedeutet. Diesen gegenüber beugt sich eine schlanke Birke in einem Bogen über Marias Kopf. Die Forschung zur deutschen Landschaft, erkennt im Baum das essentielle Element derselben, indem er als Verbindung zwischen dem Bild und dem Ort fungiert und gleichsam metonymisch für den gesamten Wald steht. Anzeichen von Zivilisation innerhalb dieser Landschaften werden beherrscht und umschlossen vom Wald.

Genau dies sehen wir bei der Madonna aus Wroclaw: klein in der Ferne eine Stadt zwischen den Tannen und den Bergen und links am Fuße einer fantasievollen Felsformation, bekrönt von einer Burg, ebenso klein dargestellt Reisende, Lasttiere, ein Bildstock und ein Kreuz. Die Tannen, oder eher das sie überwuchernde Moos, definieren die Landschaft als nördliche Region – transalpin, somit Cranachs hic et nunc, sein hier und jetzt. Gleichzeitig weißt die Landschaft über den deutschen Wald hinaus und auf die Universalität christlicher Vorstellungen. Darstellungen der Natur wurden im Lichte der Schriften des heiligen Augustinus als Metapher der menschlichen Pilgerschaft durch das Leben, der peregrinatio vitae hin zur Stadt Gottes (civitas dei) verstanden und interpretiert. Die in ihren Mühen dargestellten kleinen menschlichen Figuren und der hohe Felsen mit der Burg bilden eine schlüssige Verbindung zum Ausruf des Pilgers aus Psalm 31: "Sei Fels der Rast für mich, eine starke Festung um mich zu schützen!" Auf diesem schwierigen und gefährlichen Weg der Pilgerschaft auf dieser Erde ist es die Madonna, die Mutter Gottes, die ein zu einem "Zeichen des Trosts und der Hoffnung" wird.

[Hanna Benesz, 2013]

  • Die Madonna mit dem Kinde (sog. Madonna unter den Tannen), um 1510

Abbildungen

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Kunsttechnologische Untersuchung

2017Technologische Untersuchung / Naturwissenschaftliche Materialanalyse

  • Infrarot-Reflektografie
  • irr

Unterzeichnung

BESCHREIBUNG

Zeichengeräte/Material:

- flüssiges, schwarzes Zeichenmedium, Pinsel; eventuell über einer groben Erstanlage

Typ/Duktus:

- freie Unterzeichnung wohl nach einer Vorlage

- dünne, feine Linien im Gesicht bis relativ breite Linien im Mantel

Funktion:

- relativ verbindlich für die Malerei; Hauptkonturen, Binnenformen und Gesichtszüge sind angegeben; keine plastische Angaben mit Schraffuren

Abweichungen:

- kaum Präzisierungen der Form während des Malprozesses; kleine Änderungen (z.B. Position der Hände bzw. Finger)

INTERPRETATION

Zuschreibung:

- Lucas Cranach der Ältere

[Sandner, Smith-Contini, Heydenreich, cda 2018]

  • fotografiert von Gunnar Heydenreich
  • fotografiert von Ingo Sandner

2012Technologische Untersuchung

  • reverse

Bildträger

- Holz, vermutlich Lindenholz

- vier Bretter unterschiedlicher Breite in horizontaler Ausrichtung

- obere Bildhälfte mit Leinwand beklebt

[Heydenreich, cda 2012]

1972Technologische Untersuchung / Naturwissenschaftliche Materialanalyse

  • Röntgengrobstrukturanalyse
  • x_radiograph
  • erstellt von London - Courtauld Institute of Art Gallery

Erhaltungszustand

Datum2012

  • Brettfugen teilweise neu verleimt, rückseitig mit 9 Schwalbenschwänzen gesichert

  • umlaufend am Rand Nadelholzleisten und Klötze aufgeleimt

  • gleichmäßig fluoreszierender Firnis, partielle Firnisreduzierung (Reinigungsprobe) im rechten oberen Eckbereich in UV-Aufnahme sichtbar

[Heydenreich, cda 2012]

Zitieren aus dem Cranach Digital Archive

Eintrag mit Autor
<Autorenname>, 'Die Madonna mit dem Kinde (sog. Madonna unter den Tannen)', <Titel des Dokuments, Feldeintrags oder der Abbildung>, [<Datum des Dokuments oder der Abbildung>], in: Cranach Digital Archive, https://lucascranach.org/de/PL_DMW/ (zuletzt aufgerufen am {{dateAccessed}})
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'Die Madonna mit dem Kinde (sog. Madonna unter den Tannen)', <Titel des Dokuments, Feldeintrags oder der Abbildung>, [<Datum des Dokuments oder der Abbildung>], in: Cranach Digital Archive, https://lucascranach.org/de/PL_DMW/ (zuletzt aufgerufen am {{dateAccessed}})

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