Als das Bildnis 1910 von der Berliner Gemäldegalerie an das dortige Kupferstichkabinett überwiesen wurde, vermerkte man im Erwerbungsbuch als Künstler Lucas Cranach und wies es als «Oelfarbenmalerei auf Papier» aus. Offenbar hatte man das Papier zu diesem Zeitpunkt bereits auf Leinwand kaschiert, denn der Sammlungsstempel des Kupferstichkabinetts wurde auf die
Als das Bildnis 1910 von der Berliner Gemäldegalerie an das dortige Kupferstichkabinett überwiesen wurde, vermerkte man im Erwerbungsbuch als Künstler Lucas Cranach und wies es als «Oelfarbenmalerei auf Papier» aus. Offenbar hatte man das Papier zu diesem Zeitpunkt bereits auf Leinwand kaschiert, denn der Sammlungsstempel des Kupferstichkabinetts wurde auf die Leinwand gesetzt.
Rosenberg wie auch Steigerwald sahen eine Verwandtschaft mit dem Berliner Bildnis eines Bürgermeisters von Weißenfels (CDA ID: DE_smbGG_618A, gemalt von Cranach d. Ä. und Werkstatt, mit 1515 datiert), angesichts dessen sie eine Datierung um 1515 bzw. 1515/20 vertraten (Rosenberg 1960, Nr. 73; AK Berlin 1973, S. 48, Nr. 54). Einen Zusammenhang der Berliner Studie mit dem Porträtgemälde ist in den Gesichtszügen nicht zu sehen und wurde 1994 entsprechend abgelehnt; aus dem Vergleich mit dem Dessauer Fürstenaltar (CDA IDs: DE_AGGD_7a und DE_AGGD_7b) und dem Washingtoner Bildnis (CDA ID: US_NGA_1959-9-1) – Gemälde auf Holz – wurde der Entstehungszeitraum 1510-1520 vorgeschlagen (AK Augsburg 1994, S. 342, Nr. 163). Stilistisch steht das Berliner Blatt zwei weiteren männlichen Porträtstudien auf Papier nahe, deren Datierung auf die jeweils nach ihnen gemalten Bildnistafeln zurückgehen: Hans Luther (CDA ID: AT_AW_26156; gemalt von Cranach. Ä., mit 1527 datiert) und Graf Philipp von Solms-Lich (CDA ID: DE_MB_L83; gemalt von Hans Döring, mit 1520 datiert). Die zwei Studien teilen mit der Berliner nicht nur den Umstand, dass sie mit ölhaltigen Farben ausgeführt sind (vgl. zur Studie Luthers Wien, Albertina: https://sammlungenonline.albertina.at/objects/87483/hans-luther-14591530 [revised 26.4.2026]; zur Studie Graf Philipps: AK Basel II 1976, Nr. 609), sondern auch die gekonnte Arbeit mit feinen Pinseln, stark verwische Farbfelder (dazu ist Ölfarbe besonders gut geeignet, weil sie langsam trocknet) sowie mit Feder gesetzte Akzentuierungen und wichtige die Gesichtszüge modellierende Details.
Aus dem unterschiedlich fein ausgearbeiteten Porträt spricht eine bestechende Lebendigkeit. Cranach arbeitete die Gesichtszüge, besonders um die Augen, mit sehr feinen Pinselstrichen heraus und modellierte mit wenigen rasch und gekonnt gesetzten Glanzlichtern die Züge eines älteren Mannes, die Entschlossenheit und Willensstärke vermitteln. Zugleich haftet der Studie eine weniger offen wirkende, würdevolle Ausstrahlung an. Diese geht auf eine alte Restaurierung, die vermutlich eher von einem in der Gemälderestaurierung geschulten Restaurator ausgeführt wurde und einen Firnisauftrag beinhaltete, zurück. Zusammen mit der Studie des Hans Luther steht die Berliner dennoch als Beispiel für Cranachs Interesse an den Spuren des Lebens im Gesicht des Porträtierten.
[Rahel Müller im Rahmen des Cranach-Forschungsprojekts, April 2026]