Martin Luther als Halbfigur nach rechts

Martin Luther als Halbfigur nach rechts

Titel

Martin Luther als Halbfigur nach rechts

[KKL 2022]

Malerei auf Buchenholz

Das Doppelbildnis des Kunstmuseums Bern gehört mit Werken in Berlin (IV.M21), Oldenburg (IV.M22) und Genf (IV.M23) zu einer Gruppe, die Luther und von Bora als Halb- bzw. Dreiviertelfigur zeigen und damit den Bildausschnitt gegenüber den anderen Vertretern der Gruppe IV deutlich erweitern.[1] Als Doppelporträt sind lediglich das vorliegende und das

Das Doppelbildnis des Kunstmuseums Bern gehört mit Werken in Berlin (IV.M21), Oldenburg (IV.M22) und Genf (IV.M23) zu einer Gruppe, die Luther und von Bora als Halb- bzw. Dreiviertelfigur zeigen und damit den Bildausschnitt gegenüber den anderen Vertretern der Gruppe IV deutlich erweitern.[1] Als Doppelporträt sind lediglich das vorliegende und das Berliner Exemplar erhalten. Luthers Darstellung erlangt durch seine den Bildraum ausfüllende Schaube eine gesteigerte Präsenz gegenüber dem Bildnis Katharinas. Die Tafeln zeigen die ab 1529 üblichen Bildinschriften, die die Dargestellten namentlich bezeichnen und mit programmatischen Bibelversen verknüpfen.[2]

Die beiden Bildnisse sind, wie für dieses Tafelformat[3] in der Cranach-Werkstatt üblich, aus drei horizontal ausgerichteten Brettern zusammengefügt und rückseitig nur grob mit dem Schropphobel geglättet.[4] Der mit ocker- und rotfarbigen Farbsprenkeln versehene dunkelbraune Rückseitenanstrich könnte entstehungszeitlich sein.[5]

Die malerische Qualität des Luther-Bildnisses erscheint durch nachfolgende Bearbeitungen und damit einhergehende Zustandsveränderungen heute stark beeinträchtigt. So ist etwa das Fehlen wesentlicher Details, wie Wimpern, Augenbrauen, Reflexlichter, sowie der für die Modellierung des Inkarnats wichtigen Lasuren auf Bereibungen der Oberfläche zurückzuführen, die auch ursächlich für zahlreiche Retuschen sein dürften.[6] Der bessere Erhaltungszustand des von Bora-Pendants lässt die ursprüngliche Qualität des Luther-Bildnisses erahnen.[7] Dessen ungeachtet weisen die beiden Bildnisse Merkmale auf, die sie als typische Werkstattarbeiten einordnen lassen.[8] Die in Größe und Linienverlauf übereinstimmenden Gesichtskonturen sowie die schematische Linienführung der Unterzeichnung lassen die Verwendung einer Pause vermuten.[9] Der hellblaue Hintergrund erscheint in einem gestupft wirkenden Pinselduktus, wie er auch bei wenigen weiteren Luther-Bildnissen auftritt.[10]

Daniel Görres, Wibke Ottweiler


[1] Das ebenfalls im größeren Bildausschnitt, aber in deutlich größerem Tafelformat gefertigte Augsburger Doppelbildnis (IV.M24.) zeigt Luther gemeinsam mit Johann Friedrich I. von Sachsen.

[2] Bei Luther leicht variiert mit „DML“ statt dem üblichen „ML“. Der Wahlspruch Luthers „IN SILENCIO ET SPE ERIT FORTITVDO VESTRA“ entstammt Jesaja 30,15 und wird bei Luther übersetzt als „Durch stille sein und hoffen würdet ir starck sein.“ (WAB 11/1, S. 96). Beim Bildnis Katharina von Boras heißt es: „SALVABITVR PER FILIORUM GENERACIONEM“ (1. Tim. 2,15) in der Übersetzung Luthers: „Sie wirt aber selig werden durch kinder geperen“ (WAB 7, S. 262); vgl. zu den Inschriften auch den Text zu Bildnisgruppe IV.

[3] Format C nach Heydenreich 2007a.

[4] Vgl. dazu IV.M21, IV.M22, IV.M23 oder auch Cranach Digital Archive: https://lucascranach.org/de/DE_smbGG_589 sowie Heydenreich 2007b, S. 72–73. Die Fugen wurden offensichtlich rückseitig und – dem charakteristischen Krakelee-Bild nach zu urteilen – auch vorderseitig kaschiert. Augenscheinlich könnte es sich bei dem Kaschierungsmaterial um mit Leim aufgebrachte Tiersehnen handeln, eine u. a. in der Cranach-Werkstatt gängige Technik (nachgewiesen u. a. bei Cranach Digital Archive: https://lucascranach.org/de/CH_MAS_A1950, vgl. dazu auch Ausst.-Kat. Düsseldorf 2017, S. 258).

[5] Die Farbsprenkel im Sinne einer Steinimitation treten in ähnlicher Form an den Rückseiten der Bildnisse Cranach Digital Archive: https://lucascranach.org/de/ES_MTB_109-1949-1 und https://lucascranach.org/de/F_PPP_PTUCK4 auf, die Hans Cranach zugeschrieben sind. Im Zuge der Entfernung von ehemals auf die seitlichen Tafelränder aufgesetzten Vertikalleisten und der Ergänzung von über Brettfugen und Rissen aufgesetzten Querleisten ist der Rückseitenanstrich samt der ursprünglichen Faserkaschierung teilweise abgetragen worden.

[6] Die Maßnahmen sind nicht dokumentiert.

[7] Auffällig ist das kaum ausgeprägte Alterskrakelee beider Tafeln, das möglicherweise auf die verhältnismäßig dicke Grundierung zurückzuführen sein könnte.

[8] Dies gilt für die Holzauswahl und Tafelbearbeitung ebenso wie für die Malweise, die sich durch hohe Flächenkontraste der mit geringer Überlappung nebeneinander gesetzten Farbbereiche auszeichnet, bis hin zu Spezifika wie den schräg zur Form weich vertriebenen Binnenkonturen, den mit dem Spitzpinsel aufgesetzten Härchen in drei unterschiedlichen Brauntönen und die mit einer schlecht fließenden, hoch deckenden schwarzen Farbe aufgetragene Signatur.

[9] Die Überblendung der Infrarotreflektogramme mehrerer Exemplare dieser Bildnisgruppe ergibt eine sehr hohe Deckungsgleichheit der wesentlichen Binnenkonturen.

[10] Einen ähnlichen Pinselduktus weisen III.M11, IV.M6 und V.M2 auf. Bei den übrigen Tafeln wird mit dem aquarellartig wirkenden, teils lasierend, teils opak aufgetragenen Blau eine lebendigere Wirkung erzielt.

Quellen / Publikationen:

Schade 1999, S. 52–53.

Zuschreibung
Werkstatt Lucas Cranach der Ältere

Zuschreibung

Werkstatt Lucas Cranach der Ältere

[KKL 2022]

Datierung
1529

Datierung

1529

[datiert, KKL 2022]

Maße
Maße Bildträger: ca. 54,5 x 38 cm (Maße im gerahmten Zustand nicht exakt feststellbar)

Maße

  • Maße Bildträger: ca. 54,5 x 38 cm (Maße im gerahmten Zustand nicht exakt feststellbar)

  • [KKL 2022]

Signatur / Datierung
Schlangensignet mit aufgerichteten Flügeln und Jahreszahl „1529“ am rechten Bildrand in schwarzer Farbe

Signatur / Datierung

  • Schlangensignet mit aufgerichteten Flügeln und Jahreszahl „1529“ am rechten Bildrand in schwarzer Farbe

  • [KKL 2022]

Inschriften und Beschriftungen
"D . M . L || IN SILENCIO ET SPE ERIT FORTITVDO VESTRA" Rückseitig auf der oberen Querleiste handschriftlich mit …

Inschriften und Beschriftungen

Inschriften, Wappen:

  • "D . M . L || IN SILENCIO ET SPE ERIT FORTITVDO VESTRA"
  • [KKL 2022]

Stempel, Siegel, Beschriftungen:

  • Rückseitig auf der oberen Querleiste handschriftlich mit Graphitstift "[...] originalien gekauft in Nurenberg 1740" und Stempfel "[...] 16. Mai 1933". Auf einer jüngeren Holzleiste des Rahmens handschriftlich mit schwarzem Filzstift "MARTIN LUTHER CRANACH 592"
  • [KKL 2022]
Eigentümer
Kunstmuseum Bern
Besitzer
Kunstmuseum Bern
Standort
Bern
CDA ID
CH_KMBe_592
FR (1978) Nr.
FR-none
KKL-Nr.
IV.M20a, Teil der Bildnisgruppe IV
Permalink
https://lucascranach.org/de/CH_KMBe_592/

Provenienz

1914 als Geschenk aus Berner Privatbesitz
[Werkakte Kunstmuseum Bern, Inv.-Nr. G 592 und G 593]

  • Martin Luther als Halbfigur nach rechts, 1529

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Kunsttechnologische Untersuchung

Datum2018 - 2021

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Bildträger

Buche (augenscheinlich). Drei querrechteckige Bretter [1] mit horizontaler Faserausrichtung. Mindestens eine Fuge (Abstand vom oberen Tafelrand: 22,4 - 22,8 cm) ist rückseitig kaschiert. [2] Die Tafelkanten sind umlaufend als 5 - 10 mm breiter Falz auf ca. 6 - 7 mm Brettstärke ausgebildet. An der Unterkante ist der Falz partiell vorgeritzt, aber nicht vollständig ausgearbeitet. Unklar ist, ob es sich dabei um den originalen Tafelrand handelt oder die Tafelkante nachträglich bearbeitet wurde. Die Rückseite ist mit dem Schropphobel in schräg verlaufenden, bis zu 3,5 cm breiten Zügen grob geglättet.

Ein dunkler Rückseitenanstrich mit Farbsprenkeln in Rot und Hellgrau bedeckt die Rückseite bis zu den Tafelkanten. [3]

[1] In der Rückseite zeigt sich mittig eine Brettfuge sowie darüber und darunter jeweils eine (später) aufgeleimte Querleiste aus Nadelholz. Die untere stabilisert die zweite BrettfugeVorderseitig markieren sich in der Malschicht drei horizontal verlaufende Risse, die mit den Querleisten bzw. der Fuge korrespondieren.

[2] Augenscheinlich könnte es sich bei dem Kaschierungsmaterial um mit Leim aufgebrachte Tiersehnen handeln, eine u.a. in der Cranach-Werkstatt gängige Technik. Nachgewiesen u.a. bei CH_MAS_A1950 (IV.M-Sup01), https://lucascranach.org/documents/CH_MAS_A1950/10_Analysis/CH_MAS_A1950_FR-none_2020_Analysis-report-PMF.pdf. Vgl. dazu auch Exhib. Cat. Düsseldorf 2017, S. 258.

[3] Zur Aufbringung der (später ergänzten) Querleisten wurde der Rückseitenanstrich in diesen Bereichen mechanisch entfernt. In beiden seitlichen Randbereichen scheint ebenfalls die blanke Holzoberfläche frei zu liegen; hier finden sich Holzreste und die Spuren eines Zahnhobels. Offenbar war die Tafel einst durch seitliche Vertikal-Leisten stabilisiert worden, die später mechanisch entfernt und durch die Querleisten ersetzt wurden.

Grundierung und Imprimitur

Weiße Grundierung. Da die Tafel zur Untersuchung nicht aus dem heutigen Zierrahmen ausgerahmt werden konnte, sind die Tafelränder hinsichtlich des Grundierungsauftrages nicht beurteilbar.

Optisch, auch unter Vergrößerung, zeigen sich keine Hinweise auf eine Imprimitur.

Unterzeichnung

Im Infrarotreflektogramm, aber auch mit bloßem Auge, zeichnet sich deutlich die feine Unterzeichnung der Gesichtskonturen ab. [1] Sowohl die Außen- als auch die Binnenkonturen sind mit gleichmäßig dünnem Strich angegeben. Die mit einem grau-schwarzen, wohl trockenen, Medium ausgeführte Zeichnung weist eine hohe Deckungsgleichheit (in absoluter Größe) mit vielen weiteren Exemplaren dieses Bildnistyps auf. [2] Die hohe Übereinstimmung mit Unterzeichnungen an Vergleichswerken und die Stereotypie der Ausführung sind Indizien für die Verwendung einer Pause zur Übertragung der Gesichtskonturen.

[1] Die Sichtbarkeit der Unterzeichnung dürfte durch eine altersbedingte Transparenzerhöhung des Bleiweißanteils im Inkarnat verstärkt worden sein.

[2] Am Objekt durch Umzeichnung nachgewiesen bei PRIVATE_NONE-P409, DE_KSVC_M417, DE_LHW_G16, DE_MHB_1a, DE_KBSB_B59, DE_SPSG_GKI50476, DE_SWMO-III-457-K1, DE_KMG_34-1955, CH_KMBe_592. Durch digitale Überblendung geprüft bei KKL IV.M1-IV.M23.

Farbschichten und Metallauflagen

Die einzelnen Farbflächen sind mit geringer Überlappung nebeneinander gesetzt. Zuerst erfolgte die flächige Anlage des Kopfes, im Inkarnat mit einem hellrosafarbenen Grundton. Darauf folgte die Feinmodellierung mit weich vertriebenen Lasuren, die in Wangen, Nase, Kinn und Augenlidern stärker rot ausgemischt sind. Während für die Unterlippe ein heller, warmer Rosaton verwendet wurde, ist die Oberlippe deutlich kräftiger mit einem dunkleren Rotton übergangen worden. Den Lippenspalt betont eine graubraune Linie, die in den Mundwinkeln diagonal verwischt wurde. Hier ist die zügige Malweise besonders gut nachvollziehbar, beim Auftrag der Schattenlasur waren die Farben für Inkarnat- und Lippen noch nicht getrocknet, so dass der Pinsel die Farben ineinander trieb. (Detail-006) Die Augen wurden über dem hellen Inkarnat-Grundton mit mittelbraunen Iriden ausgeführt, die am inneren Rand von einer dunklen Kontur eingefasst werden. Reflexlichter aus je zwei kurzen, pastos weiß aufgesetzten Pinselstrichen geben den Lichteinfall an. Die Augäpfel sind in gebrochenem Weiß gehöht, der äußere Winkel des rechten Auges ist braun verschattet. Die Pupillen wurden schwarz aufgesetzt, oberer Lidstrich und Wimpern dunkelbraun.

In den Händen wird die braune Verschattung der Konturen durch graue Lasuren verstärkt und anschließend durch locker gesetzte Pinselstriche in Braun akzentuiert. Adern sind mit hellgrauen, halbdeckend aufgesetzten Pinselstrichen angedeutet.

Das Deckhaar erscheint mit breitem Pinsel in streifigem Auftrag halbdeckend braun unterlegt. Mit der gleichen Farbe wurden auch die Außen- und Binnenkonturen und Schatten im Inkarnat angelegt sowie die Schaube flächig unterlegt. Diese Farbschicht zeigt ein charakteristisches Eigencraquelée. (Detail -008, Detail-004) Barett und Schaube sind über dem braunen Grundton nass in nass mit Schwarz und Weiß modelliert, bevor der Hintergrund in einem hell ausgemischten Blau strichelnd aufgetragen wurde. [1] Durch die besondere Auftragstechnik ist die weiße Grundierung als Reflektor stark in die Gestaltung einbezogen und verleiht der einfarbigen Fläche Lebendigkeit. Anschließend wurden die Außenkonturen von Mantel und Barett nochmals schwarz präzisiert.

Signatur und Jahreszahl sind in schwarzer Farbe sehr dünn, aber hochdeckend auf den wolkig blauen Hintergrund aufgetragen.

[1] Die Farbe besteht aus einem sehr fein vermahlenen, leuchtenden Blaupigment, das mit einem gröberen Weißpigment ausgemischt ist.

Rahmung

Neuer Rahmen.

[Untersuchungsbericht Wibke Ottweiler, KKL 2022]

Erhaltungszustand

Datum2018 - 2021

Insgesamt guter Erhaltungszustand.

Vormals rückseitig aufgesetzte vertikale Leisten an den Seiten der Tafel sind entfernt worden. Zur Stabiliserung zweier Brettfugen oder Risse wurden rückseitig Querleisten aufgeleimt. Dazu ist der Rückseitenanstrich mit dem Hobel entfernt worden. [1] Wenige Ausfluglöcher in der Rückseite deuten auf einen geringen, inaktiven Anobienbefall hin. Der Rückseitenanstrich ist wohl erneuert.

Die Malschicht ist dreimal quer gerissen; vermutlich direkt oberhalb der Brettfugen, die sich durch Bewegungen des Holzes geöffnet haben.

Die Oberfläche der Malerei ist mäßig stark verputzt und umfangreich (besonders im Bereich der Querrisse) retuschiert. Der Firnis ist erneuert.

[1] Möglicherweise waren diese Bereiche ursprünglich kaschiert.

  • untersucht von Wibke Ottweiler

Zitieren aus dem Cranach Digital Archive

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